Beitrag

1631 – Als Tilly vor Rothenburg stand

Im Herbst 1631 geriet Rothenburg mitten in den Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt hatte sich unter schwedischen Schutz gestellt – kurz darauf stand mit Johann T’Serclaes von Tilly einer der gefürchtetsten Feldherren seiner Zeit vor den Mauern. Der Rat verweigerte die Übergabe und hoffte auf Hilfe aus Würzburg. Es folgten Beschuss, Sturmangriff und bange Stunden hinter den Befestigungen. Als sich die erwartete Rettung als kaiserliche Verstärkung entpuppte, blieb nur die Kapitulation. Rothenburg wurde geplündert – aber nicht zerstört. Aus diesen dramatischen Tagen entstand später die berühmte Legende vom Meistertrunk.

1631 – Als Tilly vor Rothenburg stand

Eine Stadt zwischen zwei Armeen

Im Herbst 1631 dürfte in Rothenburg kaum jemand gewusst haben, welcher Soldat am nächsten Tag vor dem Stadttor stehen würde.

Seit dreizehn Jahren tobte der Dreißigjährige Krieg.

Rothenburg war evangelisch, gehörte aber als Reichsstadt weiterhin zum Reich des katholischen Kaisers Ferdinand II. Lange hatte der Rat versucht, zwischen den Fronten zu bestehen.

Dann änderte sich die militärische Lage innerhalb weniger Wochen vollständig.

Im September 1631 besiegte der schwedische König Gustav II. Adolf das kaiserlich-katholische Heer unter General Johann T’Serclaes von Tilly in der Schlacht bei Breitenfeld. Die Schweden stießen anschließend nach Franken vor.

Mitte Oktober fiel Würzburg in ihre Hände.

Und plötzlich lag Rothenburg genau zwischen den Bewegungen zweier großer Armeen. Für eine Stadt mit vielleicht einigen Tausend Einwohnern war das eine gefährliche Situation.

Denn im Dreißigjährigen Krieg musste eine Armee eine Stadt nicht unbedingt erobern, um sie zu ruinieren.

Es genügte oft, dort Quartier zu nehmen.


Anfang Oktober – Kaiserliche Soldaten sitzen bereits in Rothenburg

Schwedische_Truppen
Die Schweden übernehmen die Stadt

Zu Beginn des Monats lagen nach der überlieferten Rekonstruktion ungefähr 800 kaiserliche Soldaten in Rothenburg.

Das bedeutete bereits eine enorme Belastung.

Soldaten benötigten:

  • Unterkunft
  • Brot
  • Fleisch
  • Bier und Wein
  • Futter für ihre Pferde
  • Geld

Eine „befreundete“ Garnison konnte für die Bevölkerung wirtschaftlich fast genauso belastend sein wie ein Feind.

Dann änderte sich die Situation abrupt.

Am 7. Oktober 1631 wurde ein kaiserlicher Verband unter Kriegskommissar Alessandro Massoni in der Umgebung Rothenburgs von schwedischen Truppen schwer geschlagen. Am nächsten Tag standen die Schweden vor der Stadt.

Die kaiserliche Besatzung entschied sich gegen einen Kampf.

Am 8. Oktober übergab sie Rothenburg.

Ein Teil der kaiserlichen Soldaten soll gemeutert und zu den Schweden übergegangen sein, der Rest durfte abziehen.

Innerhalb eines einzigen Tages hatte Rothenburg die militärische Seite gewechselt.


Jetzt steht Rothenburg unter schwedischem Schutz

Das war keine Kleinigkeit. Rothenburg hatte sich damit faktisch auf die Seite des schwedischen Königs gestellt.

Das Historische Lexikon Bayerns formuliert ausdrücklich, dass die protestantische Reichsstadt sich Anfang Oktober unter den Schutz Schwedens stellte.

Aus Rothenburger Sicht war das nachvollziehbar. Gustav Adolf hatte Tilly gerade vernichtend geschlagen. Würzburg war schwedisch besetzt. Die schwedische Armee schien militärisch überlegen.

Vielleicht glaubte man im Rathaus: Die Zukunft gehört jetzt den Schweden.

Nur wenige Wochen später sollte sich zeigen, wie gefährlich diese Rechnung war.


Tilly ist geschlagen – aber nicht verschwunden

Tillys Niederlage bei Breitenfeld hatte seine Armee schwer getroffen. Aber sie hatte sie nicht vernichtet.

Der erfahrene Feldherr sammelte seine verbliebenen Truppen und weitere Verbände und zog durch Franken.

Für Rothenburg entstand damit eine äußerst unangenehme Situation. Die Stadt hatte sich gerade dem Gegner jenes Mannes angeschlossen, der nun wieder in ihre Richtung marschierte.

Und diesmal kam er nicht mit einer kleinen Besatzung. Er kam mit einem Feldheer.

Wie viele Soldaten tatsächlich unmittelbar vor Rothenburg standen, können wir nicht zuverlässig beziffern.

Eine ältere militärhistorische Darstellung nennt wiederum 14.000 Mann Verstärkung unter dem kaiserlichen Generalkommissar Ossa und nur etwa 300 Verteidiger. Auch diese Zahlen sind nicht ausreichend gegen die Rothenburger Originalquellen abgesichert.

Was wir sicher sagen können: Die kaiserliche Streitmacht war den Rothenburger Verteidigern zahlenmäßig weit überlegen.


Noch können die Rothenburger hoffen

Die wichtigste Hoffnung der Stadt lag ungefähr 60 Kilometer entfernt: Würzburg.

Dort standen schwedische Kräfte. Wenn Rothenburg lange genug durchhielt, könnte von dort Hilfe kommen.

Genau diese Hoffnung dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass der Rat eine kampflose Übergabe ablehnte. Das Historische Lexikon Bayerns nennt den erwarteten schwedischen Entsatz ausdrücklich als wahrscheinlichen Grund für diese Entscheidung.

Man musste also nicht Tillys gesamte Armee besiegen. Man musste möglicherweise nur lange genug durchhalten.

Für die Menschen hinter den Mauern bedeutete das:

  • Tore schließen
  • Wachen verstärken
  • Geschütze vorbereiten
  • Munition verteilen
  • und warten.

28. Oktober 1631 – Tilly fordert die Stadt

Am 28. Oktober verlangte Tilly die Übergabe Rothenburgs.

Der Rat sagte Nein.

Heute klingt ein solcher Satz beinahe unspektakulär.

Damals bedeutete er: Wir werden kämpfen.

Und der Rat wusste, was wenige Monate zuvor geschehen war. Im Mai 1631 hatte Tillys Armee Magdeburg erobert.

Die anschließende Plünderung und der Brand hatten große Teile der Stadt zerstört. Tausende Menschen waren ums Leben gekommen.

Die Nachricht von der Katastrophe hatte sich im Reich verbreitet. Die Menschen in Rothenburg kannten den Namen Tilly also nicht nur als den Namen eines Feldherrn.

Er war mit einer der schrecklichsten Stadtkatastrophen des gesamten Krieges verbunden.

Wir besitzen kein Tagebuch eines gewöhnlichen Rothenburgers, das uns seine Gefühle in dieser Nacht beschreibt.

Aber es ist kaum vorstellbar, dass Magdeburg nicht in den Köpfen vieler Menschen gewesen wäre.


29. Oktober – Der Ring schließt sich

Nach der verbreiteten Rekonstruktion schlossen die kaiserlichen Truppen am 29. Oktober einen Belagerungsring um Rothenburg.

Tilly vor der Stadt
Kaiserliche Truppen belagern rund rum die Stadt

Jetzt waren die Tore nicht mehr nur Stadtgrenzen. Sie wurden zu Frontlinien.

Besonders gefährdet war der Norden der Stadt.

Dort liegen:

  • Klingentor
  • die Befestigungen bei St. Wolfgang
  • die nördliche Stadtmauer
  • und weiter östlich das Galgentor.

Dieser Bereich war vom Gelände her wesentlich leichter anzugreifen als die steilen Hänge zum Taubertal im Westen.

Der folgende Beschuss konzentrierte sich deshalb nach den späteren Rekonstruktionen vor allem auf den Bereich zwischen Klingentor und Galgentor.

Für unsere spätere Karte ist das entscheidend: 1631 haben wir tatsächlich einen plausibel belegbaren Hauptangriffsbereich.


Wie sah es außerhalb der Mauern aus?

Vor den Mauern musste ein frühneuzeitliches Heer seine Artillerie in Stellung bringen.

Kanonen wurden nicht einfach unmittelbar an das Tor gefahren. Man benötigte geeignete Standorte. Geschütze mussten ausgerichtet werden. Pulver und Kugeln mussten herangeschafft werden.

Pioniere und Soldaten arbeiteten an Stellungen.

Infanterie wartete darauf, eine beschädigte Mauer oder ein Tor angreifen zu können. Reiter sicherten Wege und Umgebung.

Und hinter all dem bewegte sich ein riesiger Tross: Wagen, Pferde, Handwerker, Marketender, Diener, Verwundete, Vorräte.

Ein Heer des Dreißigjährigen Krieges war keine kompakte Gruppe uniformierter Soldaten. Es war eine wandernde Gesellschaft, die eine enorme Fläche benötigte und jeden Tag versorgt werden musste.

Für die Menschen auf den Rothenburger Mauern dürfte der Blick nach Norden deshalb eindrucksvoll und bedrohlich gewesen sein.

Dort stand nicht einfach „Tilly“. Dort lagerte eine militärische Welt.


Und drinnen?

Innerhalb der Stadt mussten gleichzeitig mehrere Kilometer Befestigung geschützt werden.

Das war Rothenburgs grundsätzliches Problem. Die Mauern waren stark.

Aber eine lange Mauer benötigt viele Verteidiger. Auf Türmen und Wehrgängen mussten Männer stehen.

Geschütze mussten bedient werden. Munition musste nachgebracht werden.

Verwundete mussten versorgt werden. Und gleichzeitig befand sich hinter diesen Mauern die normale Bevölkerung.

Frauen, Kinder, alte Menschen, Handwerker, Kaufleute, Geistliche.

Menschen, die mit dem militärischen Konflikt wenig zu tun hatten und trotzdem mittendrin waren.


30. Oktober – Die Geschütze beginnen

Am 30. Oktober 1631 begann der entscheidende Angriff.

Die kaiserliche Armee eröffnete das Feuer und versuchte die Stadt zu erstürmen.

Tillys Angriff
Tilly greift Rothenburg an

Das Historische Lexikon Bayerns bestätigt, dass der erste Angriff abgewehrt werden konnte.

Das ist bemerkenswert. Die Rothenburger und die schwedische Besatzung standen einer erheblich stärkeren Streitmacht gegenüber.

Doch die Befestigungen funktionierten. Von Mauern und Türmen konnten Musketiere und Geschütze auf Angreifer wirken, während diese sich einer vorbereiteten Verteidigungsanlage nähern mussten.

Spätere Darstellungen nennen ungefähr 300 Verluste auf kaiserlicher Seite.

Diese Zahl ist häufig überliefert, aber nicht so sicher abgesichert, dass ich sie ohne Kennzeichnung als exakte Zahl verwenden würde.

Wir können jedoch festhalten: Der erste Angriff kostete die Kaiserlichen erhebliche Verluste.

Rothenburg hielt. Noch.


Dann sehen die Rothenburger Truppen am Horizont

Irgendwann während der Kämpfe näherte sich ein weiteres militärisches Kontingent.

Für die Verteidiger muss das zunächst wie die Nachricht ausgesehen haben, auf die sie gewartet hatten.

Hilfe aus Würzburg?

Schwedischer Entsatz?

Wenn das stimmte, könnte Tilly plötzlich selbst zwischen zwei Streitkräften geraten.

Doch dann wurde klar: Es waren keine Schweden.

Es waren weitere kaiserliche Truppen.

Das Historische Lexikon nennt genau diesen Moment als entscheidenden Wendepunkt: Nachdem sich das heranrückende Kontingent nicht als schwedischer Entsatz, sondern als kaiserliche Verstärkung herausstellte, kapitulierte der Rat.

Damit brach Rothenburgs Strategie zusammen.

Die Stadt hatte nicht mehr nur die Frage: *Wie lange können wir durchhalten?*

Sondern: *Worauf warten wir überhaupt noch?*


Der Pulverunfall

Zu dieser Phase gehört eine der dramatischsten Überlieferungen der Belagerung.

Pulverunfall
Am Klingentor explodiert ein Pulverdepot

Nach späteren Rothenburger und militärhistorischen Darstellungen explodierte im nördlichen Befestigungsbereich ein Pulvervorrat.

Häufig wird die Explosion mit der Klingentorbastei beziehungsweise einem dortigen Wehrturm, dem sogenannten „Ganser“, verbunden.

Dadurch soll die Verteidigung in diesem Abschnitt entscheidend geschwächt worden sein.

Diesen Vorgang würde ich im endgültigen Artikel etwas vorsichtiger formulieren als manche populäre Darstellung.

Denn während das Scheitern des erwarteten Entsatzes in der modernen wissenschaftlichen Zusammenfassung ausdrücklich genannt wird, ist die genaue Ursache und Lage der Pulverexplosion dort nicht zentral belegt.

Überlieferung: Während der Kämpfe explodierte ein Pulvervorrat im nördlichen Verteidigungsbereich und verschärfte die ohnehin aussichtslose Lage.


Der Rat entscheidet sich für die Kapitulation

Jetzt musste der Rat entscheiden. Weiterkämpfen bedeutete möglicherweise:

  • einen Sturm auf die Stadt
  • Kämpfe in den Straßen
  • Plünderung
  • Feuer

und im schlimmsten Fall ein zweites Magdeburg.

Aufgeben bedeutete dagegen ebenfalls keine Sicherheit. Eine Kapitulation garantierte im Dreißigjährigen Krieg keineswegs automatisch Schutz für die Zivilbevölkerung.

Trotzdem war militärisch kaum noch eine Alternative erkennbar.

Rothenburg kapitulierte.

Die schwedischen Soldaten erhielten nach der überlieferten Rekonstruktion freien Abzug.

Die Bürger blieben zurück.

Nun mussten sie mit den Siegern verhandeln.


Tilly kommt in die Stadt

Tilly in der Stadt
Tilly und seine Truppen übernehmen die Stadt

Dass Tilly tatsächlich Rothenburg betrat, ist durch die Rothenburger Chronik belegt.

Sebastian Dehner berichtet später ausdrücklich, dass Tilly und mehrere führende kaiserliche Generäle gegen Mittag in die Stadt einzogen.

Er nennt neben Tilly unter anderem:

  • Ossa,
  • Aldringen,
  • Cronberg,
  • Schönberg
  • und den Herzog von Lothringen.

Die Heerführer bezogen Quartier in den vornehmsten Häusern am Markt und Viehmarkt und blieben mehrere Tage in der Stadt.

Das ist ein bemerkenswert konkretes Bild. Noch am Vortag hatten Rothenburger von den Mauern auf diese Armee geschossen.

Jetzt wohnten deren Generäle in den besten Häusern mitten in der Stadt.


Und für die Soldaten beginnt jetzt der Lohn des Krieges

Rothenburg wurde zur Plünderung freigegeben.

Kaiserliche Soldaten plündern die Stadt
Kaiserliche Soldaten plündern die Stadt

Das Historische Lexikon Bayerns bestätigt diesen Punkt ausdrücklich.

Für einen heutigen Leser ist „Plünderung“ ein abstraktes Wort.

Für die Menschen damals bedeutete es möglicherweise:

  • Soldaten kommen in das Haus.
  • Sie durchsuchen Truhen
  • Sie nehmen Geld
  • Lebensmittel
  • Kleidung
  • Werkzeuge
  • Vieh
  • Wein
  • Wertgegenstände

Und die Bewohner haben kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Ein großer Teil frühneuzeitlicher Kriegsführung beruhte darauf, dass Soldaten sich zumindest teilweise aus dem Land ernährten, in dem sie gerade standen.

Nach einer erfolgreichen Einnahme wurde Beute außerdem als Teil des militärischen Lohnsystems verstanden.

Für den Soldaten draußen vor der Mauer hatte sich damit die Perspektive vollständig verändert:

Am Morgen musste er möglicherweise noch unter Feuer gegen Rothenburg kämpfen. Am Abend durfte er dort Beute suchen.

Für die Bevölkerung begann dagegen der schlimmste Teil erst nachdem die Kämpfe aufgehört hatten.


Der Rat selbst ist in Gefahr

Auch die politische Führung Rothenburgs war keineswegs sicher.

Der Rat wurde festgesetzt und bedroht.

Tilly verlangte hohe Geldzahlungen und Kontributionen.

Hinzu kam ein besonders schwerwiegender Verdacht:

Kurz zuvor waren kaiserliche Truppen in der Umgebung Rothenburgs von den Schweden geschlagen worden, und Teile der früheren kaiserlichen Garnison hatten gemeutert.

Die Rothenburger mussten glaubhaft machen, dass die Stadt selbst daran keine Schuld trug.

Das war keine akademische Diskussion.

Davon konnte abhängen, wie Tilly mit der Stadt und ihrem Rat umging.


Dann kommen die Bürger

Die Überlieferung berichtet, dass die Bürgerschaft um Gnade bat.

Tillys Gnade
Rothenburger flehen um Verschonung

Das Historische Lexikon Bayerns hält ausdrücklich fest, dass Tilly auf das Flehen der Bürgerschaft hin darauf verzichtete, Rothenburg zu zerstören, falls die verlangten Zahlungen nicht vollständig aufgebracht würden.

Das ist wahrscheinlich der historische Kern, aus dem sich später eine wesentlich spektakulärere Rettungsgeschichte entwickelte.

Eine besiegte Stadt.

Ein siegreicher Feldherr.

Ein bedrohter Rat.

Eine Bevölkerung, die um Schonung bittet.

Und schließlich:

Rothenburg wird nicht zerstört.

Was fehlt?

Der Wein.


Der Meistertrunk findet nicht statt

Zumindest können wir ihn historisch nicht nachweisen.

Keine der zeitgenössischen oder zeitnahen Quellen kennt die Geschichte vom riesigen Humpen.

Nicht Gottfried Rösch.

Nicht Nikolaus Göttlingk.

Nicht Sebastian Dehner.

Auch eine Gedenkpredigt von 1641, also nur zehn Jahre nach den Ereignissen, erwähnt keine wundersame Trinkprobe.

Erst eine Rothenburger Chronik von 1771–1773, also etwa 140 Jahre später, erzählt erstmals eine frühe Form der Geschichte.

Die heute bekannte Version mit Georg Nusch entwickelte sich noch später.

Das bedeutet: Der Meistertrunk rettete Rothenburg wahrscheinlich nicht.

Aber Rothenburg wurde tatsächlich verschont.

Und gerade deshalb konnte die Legende später so überzeugend werden.

Sie gab einem komplizierten historischen Vorgang eine einfache Geschichte:

Ein Mann.

Ein Becher.

Ein Schluck.

Eine gerettete Stadt.


Dabei war die Realität wahrscheinlich viel bedrückender

Tilly zog nicht einfach am nächsten Morgen weiter.

Kaiserliche Soldaten blieben in Rothenburg.

Die Stadt musste Kontributionen leisten und Einquartierungen ertragen.

Lebensmittel und Vorräte verschwanden.

Soldaten mussten versorgt werden.

Übergriffe, Krankheiten und Hunger belasteten die Bevölkerung.

Erst am 13. Januar 1632 zogen die kaiserlichen Truppen wieder ab.

Das bedeutet:

Die eigentliche Belagerung dauerte nur wenige Tage.

Die Folgen dauerten Monate.

Und der Krieg selbst weitere siebzehn Jahre.


Der eigentliche „Meistertrunk“ dauerte Monate

Wenn wir die Legende beiseitelassen, erscheint die Geschichte von 1631 fast noch interessanter.

Rothenburg wurde nicht durch einen unglaublichen Trinkrekord gerettet.

Die Stadt:

  • wechselte innerhalb weniger Wochen militärisch die Seite,
  • setzte auf den Schutz Schwedens,
  • hoffte auf Entsatz aus Würzburg,
  • verweigerte Tilly die Übergabe,
  • wehrte seinen ersten Angriff ab,
  • verlor diese Hoffnung mit dem Eintreffen kaiserlicher Verstärkung,
  • kapitulierte,
  • wurde geplündert,
  • musste hohe Forderungen erfüllen
  • und beherbergte anschließend monatelang Soldaten.

Die Mauern verhinderten einen sofortigen Sieg.

Sie konnten aber nicht verhindern, dass Rothenburg schließlich gezwungen wurde aufzugeben.


1407 und 1631 – zwei völlig verschiedene Belagerungen

Gerade im Vergleich mit 1407 sieht man, wie sehr sich der Krieg verändert hatte.

1407

Der Gegner griff zunächst Burgen und Umland an.

Er zerstörte die Ernte.

Er versuchte, Rothenburg auszuhungern.

Die Stadt musste nur länger durchhalten als die Angreifer.

Und das gelang.

1631

Jetzt standen leistungsfähige Feuerwaffen und Artillerie vor den Mauern.

Der militärische Druck konnte innerhalb weniger Tage enorm gesteigert werden.

Rothenburg hielt den ersten Angriff aus.

Doch ohne Entsatz hatte die Stadt gegen ein überlegenes Feldheer kaum eine realistische langfristige Chance.

1407 rettete die Mauer Rothenburg.

1631 kaufte sie Rothenburg nur noch Zeit.

Und genau darin sieht man innerhalb von gut zwei Jahrhunderten den Wandel der Kriegsführung.

Fotos