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Toiletten und Abwasser im mittelalterlichen Rothenburg

Wer durch Rothenburgs historische Gassen läuft, sieht Fachwerk, Brunnen und Stadtmauern – aber kaum etwas von den unsichtbaren Problemen des mittelalterlichen Alltags. **Wohin gingen die Menschen zur Toilette? Wie wurde Schmutzwasser beseitigt? Und wie verhinderte man, dass Abfälle und Trinkwasser sich vermischten?**

Eine moderne Kanalisation gab es nicht. Trotzdem entwickelte sich ein funktionierendes Zusammenspiel aus **Abortanlagen, Sammelgruben, Straßenrinnen und natürlichem Gefälle**. Einige Spuren davon lassen sich in Rothenburg sogar heute noch entdecken.

Toiletten und Abwasser im mittelalterlichen Rothenburg

Wo gingen die Menschen im Mittelalter eigentlich auf die Toilette? Und wohin verschwanden Waschwasser, Küchenabfälle und menschliche Ausscheidungen in einer dicht bebauten Stadt wie Rothenburg ob der Tauber?

Eine Kanalisation, wie wir sie heute kennen, gab es nicht. Trotzdem bedeutete das nicht, dass Abwasser und Fäkalien völlig ungeordnet auf den Straßen landeten. Für unterschiedliche Arten von Abfall gab es unterschiedliche Lösungen – von Aborterkern und Sammelgruben bis zu offenen Rinnen, über die Regen- und Schmutzwasser mit Hilfe des natürlichen Gefälles ablaufen konnte.

Dabei muss man drei Dinge voneinander unterscheiden:

  • Trinkwasser
  • Schmutz- und Regenwasser
  • menschliche Ausscheidungen

Sie wurden nicht auf die gleiche Weise behandelt.


Wie funktionierte eine mittelalterliche Toilette?

Das Grundprinzip konnte erstaunlich einfach sein.

Eine Toilette bestand häufig aus einer Sitzbank aus Holz oder Stein mit einer Öffnung. Unter dieser Öffnung befand sich entweder ein senkrechter Schacht, eine Grube oder ein anderer Bereich, in den die Ausscheidungen hinabfielen.

Wasser zum Spülen war dafür nicht erforderlich.

Die wichtigste Technik war die Schwerkraft.

Besonders interessant sind sogenannte Aborterker. Dabei handelt es sich um kleine Vorbauten an einer Außenwand. Im Inneren befand sich der Toilettensitz. Unter der Sitzöffnung führte ein Schacht nach unten.

Auch in Rothenburg sind solche historischen Abortanlagen an mehreren Gebäuden dokumentiert. Damit lässt sich ein Stück mittelalterlicher Alltagstechnik noch heute unmittelbar an der Architektur der Stadt erkennen.

Vom Sitz direkt nach unten

Das Prinzip war denkbar einfach:

  • Der Benutzer saß auf einer Holz- oder Steinbank mit Öffnung.
  • Die Ausscheidungen fielen durch einen Schacht nach unten.
  • Dort gelangten sie in eine Sammelgrube oder einen anderen Entsorgungsbereich.
  • Die Grube musste später geleert werden.

Eine Wasserspülung war nicht notwendig.

mittelalterliche Toilette
Mittelalterliche Toilette

*Prinzip eines Aborterkers: Die Ausscheidungen fallen durch einen Schacht in einen darunterliegenden Sammel- oder Entsorgungsbereich. Die Darstellung zeigt das Funktionsprinzip und ist keine exakte Rekonstruktion eines bestimmten Rothenburger Gebäudes.*


Toiletten sind in Rothenburg noch heute zu erkennen

Abortanlagen sind keine reine theoretische Rekonstruktion.

An historischen Gebäuden Rothenburgs haben sich entsprechende bauliche Elemente erhalten beziehungsweise sind dokumentiert. Besonders interessant sind Abortanlagen im Bereich der Stadtbefestigung und an größeren historischen Gebäudekomplexen.

Ein solcher Aborterker zeigt sehr anschaulich, wie eng Architektur und alltägliche Versorgung miteinander verbunden waren.

Was heute wie ein kleiner unscheinbarer Vorbau wirkt, konnte ursprünglich eine sehr praktische Funktion besitzen:

Es war eine Toilette.

Gerade bei Gebäuden an der Stadtmauer bot sich dieses Prinzip an. Der Abort konnte an der Außenseite des Gebäudes angebracht werden und benötigte keinen aufwendigen Raum innerhalb des Hauses.


Nicht jedes Haus hatte einen Aborterker

Natürlich besaß nicht jedes Wohnhaus eine solche Konstruktion.

Eine wesentlich einfachere Lösung war der Nachttopf.

Er konnte insbesondere nachts im Haus benutzt und anschließend entleert werden. Daneben existierten einfache Latrinen und Aborte über Sammelgruben.

Solche Gruben werden häufig als Kloaken bezeichnet.

Darin konnten sich nicht nur menschliche Ausscheidungen sammeln. Auch Küchenreste und andere Abfälle gelangten hinein.

Das machte die Sache für die damaligen Bewohner unangenehm – für heutige Archäologen dagegen ausgesprochen interessant.


Warum Archäologen alte Toiletten lieben

Eine mittelalterliche Latrine kann für die Forschung eine erstaunliche Informationsquelle sein.

In solchen Gruben können sich beispielsweise erhalten haben:

  • Tierknochen
  • Pflanzenreste
  • Keramikscherben
  • Haushaltsgegenstände
  • Essensreste
  • Samen und Kerne
  • andere weggeworfene Gegenstände

Dadurch lässt sich teilweise rekonstruieren, was Menschen gegessen haben, welche Gegenstände sie verwendeten und wie ihr Alltag aussah.

Eine mittelalterliche Toilette kann deshalb heute mehr über das tägliche Leben erzählen als mancher repräsentative Saal.


Und wohin kam das Abwasser?

Menschliche Ausscheidungen waren nur ein Teil des Problems.

In einer Stadt fiel jeden Tag Schmutzwasser an.

Zum Beispiel:

  • beim Kochen
  • beim Waschen
  • bei der Reinigung von Häusern
  • in Werkstätten
  • beim Handwerk
  • bei der Verarbeitung von Lebensmitteln
  • durch Regenwasser

Dieses Wasser musste ebenfalls aus Häusern, Höfen und Straßen verschwinden.

Hier half ein Prinzip, das Rothenburg aufgrund seiner Lage besonders gut nutzen konnte:

das natürliche Gefälle.


Die Straße war Teil der Entwässerung

Rothenburg liegt hoch über dem Taubertal. Auch innerhalb der Altstadt bestehen deutliche Höhenunterschiede.

Wasser fließt von selbst nach unten.

Genau dieses einfache physikalische Prinzip konnte für die Entwässerung genutzt werden.

Offene Rinnen beziehungsweise Rinnsteine entlang von Straßen nahmen Wasser auf. Küchen- und Waschwasser konnte aus Häusern und Höfen nach draußen gelangen. Regenwasser floss von Dächern, Plätzen und Straßen ebenfalls in diese Rinnen.

Das Prinzip lässt sich stark vereinfacht so darstellen:

Haus → Rinnstein → Gefälle → tiefer gelegener Bereich

Eine Pumpe war dafür nicht notwendig.

Abwassersystem
Abwassersystem

*Regen-, Wasch- und Küchenwasser konnte über offene Straßenrinnen und mit Hilfe des natürlichen Gefälles ablaufen. Die Grafik erklärt das Prinzip und stellt keinen vollständig belegten historischen Verlauf einer bestimmten Rothenburger Abwasserleitung dar.*


Eine Rothenburger Gasse als Entwässerungssystem

Stellen wir uns eine typische Gasse vor.

Von den Dächern läuft Regenwasser auf die Straße. Aus einem Haus wird gebrauchtes Waschwasser nach draußen gebracht. Beides gelangt in eine offene Rinne am Straßenrand.

Von dort folgt das Wasser dem Gefälle.

Je tiefer die Straße liegt, desto weiter bewegt es sich aus dem höher gelegenen Stadtbereich heraus.

Damit wurde die Straße selbst zu einem Teil des Entwässerungssystems.

Das Entscheidende war das Gefälle

Ohne Gefälle hätte sich das Wasser gesammelt.

Mit Gefälle konnte es weiterlaufen.

Für eine Stadt auf einer Anhöhe wie Rothenburg war das ein wichtiger Vorteil. Gleichzeitig bestand natürlich immer die Gefahr, dass sich Schmutz in Rinnen ansammelte oder Abläufe verstopften.

Sauberkeit bedeutete deshalb auch:

Rinnen mussten freigehalten werden.


Trinkwasser und Abwasser waren zwei verschiedene Probleme

Besonders wichtig ist, die historische Wasserversorgung nicht mit der Abwasserentsorgung zu vermischen.

Die Brunnen dienten der Versorgung von Menschen und Tieren mit Wasser.

Schmutzwasser sollte dagegen möglichst wieder aus den Wohnbereichen verschwinden.

Vereinfacht kann man die Systeme gegenüberstellen:

Sauberes Wasser

Quelle beziehungsweise Wasserversorgung → Brunnen → Menschen und Tiere

Schmutzwasser

Haus und Hof → Straßenrinne → Gefälle → tiefer gelegener Bereich

Fäkalien

Abort oder Nachttopf → Schacht beziehungsweise Sammelgrube → spätere Entfernung

Wie und Wohin floss das Abwasser
Wie und Wohin floss das Abwasser

*Die Darstellung zeigt eine Rothenburger Gasse im Querschnitt. Trinkwasserbrunnen und offene Abwasserrinnen sind bewusst getrennt dargestellt.*


War das Mittelalter also völlig unhygienisch?

Nach heutigen Maßstäben waren die hygienischen Bedingungen natürlich problematisch.

Offene Abwasserrinnen, Tiere in der Stadt, dicht bebaute Häuser, Mist, Handwerksabfälle und begrenzte Möglichkeiten zur Entsorgung konnten erhebliche Belastungen verursachen.

Trotzdem wäre das Bild einer Stadt, in der grundsätzlich jeder seinen gesamten Unrat einfach aus dem Fenster warf, zu simpel.

Städtisches Zusammenleben funktionierte nur, wenn bestimmte Regeln eingehalten wurden.

Straßen mussten passierbar bleiben. Brunnen mussten geschützt werden. Gruben mussten geleert und Abfälle entfernt werden.

Auch eine mittelalterliche Stadt benötigte also eine Form von städtischer Hygiene und Organisation.


Wasser hinein – Abwasser hinaus

Die beiden Systeme zeigen sehr schön, wie eine historische Stadt funktionierte.

Auf der einen Seite musste Rothenburg Wasser in die hoch gelegene Stadt bekommen.

Auf der anderen Seite musste gebrauchtes Wasser wieder hinaus.

Bei der Wasserversorgung entwickelte die Stadt später mit der Wasserkunst ein technisch aufwendiges System aus Wasserkraft, Pumpen, Hochbehälter und Leitungen.

Bei der Abwasserentsorgung blieb das Prinzip wesentlich einfacher:

Schwerkraft, Gefälle, offene Rinnen und regelmäßige Entleerung.

Zusammen erzählen beide Systeme etwas, das man beim Spaziergang durch die romantischen Gassen leicht vergisst:

Rothenburg war nicht nur eine Ansammlung schöner mittelalterlicher Gebäude. Die Stadt musste jeden Tag funktionieren.

Wasser musste beschafft werden.

Abfälle mussten verschwinden.

Menschen mussten versorgt werden.

Und selbst eine Toilette war Teil dieses Systems.