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Wie versorgte sich eine ganze Stadt?
Eine mittelalterliche Stadt konnte nicht allein innerhalb ihrer Mauern existieren. Jeden Tag wurden Getreide, Fleisch, Holz, Wolle, Leder und andere Rohstoffe benötigt. Schmiede brauchten Eisen und Holzkohle, Bäcker Mehl, Gerber Tierhäute und Rinde, Bauhandwerker Stein, Kalk und Holz.
Doch woher kam all das?
Rothenburg war keine abgeschlossene Stadt hinter einer Mauer, sondern der Mittelpunkt eines weit größeren wirtschaftlichen Systems. Rund um die Stadt lagen Äcker, Weiden, Wälder, Fischteiche, Steinbrüche und Dörfer. Im Taubertal arbeiteten zahlreiche Mühlen. Durch die Stadttore kamen Händler mit Waren, die vor Ort nicht hergestellt oder gewonnen werden konnten.
Besonders wichtig wurde dabei das große Landgebiet der Reichsstadt. Im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert brachte Rothenburg ein Gebiet von fast 400 Quadratkilometern unter seine Kontrolle. Damit sicherte die Stadt nicht nur politischen Einfluss, sondern auch einen großen Teil ihrer Versorgung.
Wie versorgte sich Rothenburg?
Handel, Rohstoffe und die Organisation einer Reichsstadt
Wenn wir heute durch Rothenburg laufen, sehen wir Häuser, Kirchen, Brunnen, Werkstätten und die gewaltige Stadtmauer.
Was wir kaum noch sehen, ist das wirtschaftliche System dahinter.
Eine Stadt benötigte ständig enorme Mengen an:
- Lebensmitteln,
- Brennholz,
- Bauholz,
- Stein,
- Kalk,
- Eisen,
- Leder,
- Wolle,
- Stoffen,
- Werkzeugen
- und Futtermitteln.
Nichts davon erschien einfach auf dem Marktplatz.
Hinter jedem Brot, jedem Hufeisen und jedem Meter Stadtmauer stand eine ganze Kette von Menschen, Rohstoffen, Transporten und Regeln.
Rothenburg funktionierte deshalb nicht nur als Stadt.
Es funktionierte als Stadt und Umland gemeinsam.
Die Stadt war das Zentrum eines viel größeren Systems
Im 12. und 13. Jahrhundert war Rothenburg zunächst vor allem eine befestigte Siedlung mit Handwerkern, Markt und einem landwirtschaftlich geprägten Umland.

Mit dem Aufstieg zur Reichsstadt änderte sich die Situation.
Im Laufe des 14. Jahrhunderts begann Rothenburg immer stärker, Dörfer, Höfe, Wälder und Herrschaftsrechte in seinem Umfeld zu erwerben.
Zwischen 1383 und 1406 entstand schließlich ein reichsstädtisches Territorium von annähernd 400 Quadratkilometern.
Das war für eine Stadt von Rothenburgs Größe außergewöhnlich.
Damit kontrollierte der Rat nicht nur die Stadt innerhalb der Mauern.
Zur Reichsstadt gehörten nun auch:
- Dörfer,
- Bauernhöfe,
- Äcker,
- Weideland,
- Wälder,
- Fischteiche,
- Mühlen
- und Verkehrswege.
Das Umland war damit ein wesentlicher Teil der städtischen Wirtschaft.
Rothenburg besaß praktisch einen eigenen kleinen Staat.
Warum kaufte eine Stadt überhaupt Land?
Ein großes Territorium bedeutete Macht.
Aber ebenso wichtig war etwas wesentlich Alltäglicheres: Versorgungssicherheit.
Eine Stadt voller Handwerker, Händler, Geistlicher und anderer Bewohner konnte sich nicht allein aus den Flächen innerhalb ihrer Mauern ernähren.
Das Umland lieferte einen großen Teil dessen, was täglich benötigt wurde.
Dazu gehörten insbesondere:
- Getreide,
- Vieh,
- Wolle,
- Holz,
- Fisch,
- Wein,
- Obst,
- Gemüse
- und weitere landwirtschaftliche Erzeugnisse.
Gerade in Krisenzeiten war die Kontrolle über diese Ressourcen wichtig.
Wenn Handelswege blockiert waren oder benachbarte Herrschaften die Versorgung erschwerten, besaß Rothenburg mit seinem eigenen Landgebiet zumindest eine gewisse wirtschaftliche Absicherung.
Das Versorgungssystem vereinfacht dargestellt
Man kann sich Rothenburgs Wirtschaft ungefähr so vorstellen:
Landwirtschaft und Rohstoffe
↓
Dörfer, Höfe, Wälder, Weiden und Teiche
↓
Mühlen und Handwerksbetriebe
↓
Transport in die Stadt
↓
Markt, Händler und Vorräte
↓
Bäcker, Metzger, Schmiede, Gerber, Schneider und andere Handwerker
↓
Bewohner der Stadt
Daneben existierte eine zweite Verbindung:
Fern- und Regionalhandel
↓
Waren, die Rothenburg selbst nicht oder nicht ausreichend erzeugen konnte
↓
Stadttore und Zollstellen
↓
Händler und Märkte
↓
Handwerk und Verbraucher
Damit wird deutlich:
Handel war nur ein Teil eines größeren Versorgungssystems.
Woher kam das Essen?
Getreide war die Grundlage

Getreide gehörte zu den wichtigsten Produkten des Rothenburger Umlands.
Auf den Feldern wurden unterschiedliche Getreidearten angebaut.
Für die Ernährung besonders wichtig waren unter anderem:
- Roggen,
- Dinkel,
- Weizen,
- Gerste.
Ein Teil wurde direkt als Getreide gehandelt.
Doch bevor daraus Brot werden konnte, musste das Korn gemahlen werden.
Und dafür besaß Rothenburg einen entscheidenden Standortvorteil: die Tauber.
Die Tauber war der Motor der Stadt

Heute erscheint das Taubertal unterhalb Rothenburgs vor allem romantisch.
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war es dagegen ein bedeutender Wirtschaftsraum.
Entlang der Tauber und ihrer Nebenflüsse entstanden zahlreiche Mühlen.
Das Wasser lieferte Energie.
Damit konnte man Arbeiten mechanisieren, für die ansonsten Menschen oder Tiere eingesetzt werden mussten.
Die meisten Anlagen waren Getreidemühlen.
Hier wurde Korn zu Mehl verarbeitet.
Doch Wasserkraft konnte noch wesentlich mehr.
Im Rothenburger Gebiet gab es im Laufe der Zeit unter anderem:
- Getreidemühlen,
- Sägemühlen,
- Walkmühlen,
- Ölmühlen,
- Schleifmühlen,
- Gipsmühlen,
- Hammerschmieden
- und später sogar eine Pulvermühle.
Die Tauber war damit gewissermaßen die wichtigste Energiequelle der vorindustriellen Wirtschaft.
Vom Korn zum Brot
Auch ein Brot entstand über mehrere Arbeitsstufen.

Bauer
↓
Getreide
↓
Transport zur Mühle
↓
Müller
↓
Mehl
↓
Bäcker
↓
Brot
↓
Verkauf an die Stadtbewohner
An jedem Punkt musste organisiert werden.
Getreide musste angebaut, geerntet und gelagert werden.
Der Müller benötigte Wasserrechte und eine funktionierende Mühle.
Der Bäcker brauchte Mehl, Wasser, Salz und große Mengen Brennholz.
Und schließlich musste das Brot verkauft werden.
Rothenburg hatte eine Besonderheit: private Vorratshäuser

Viele mittelalterliche Städte besaßen ein großes städtisches Kornhaus.
Dort konnten Getreidevorräte zentral gelagert werden.
Rothenburg entwickelte eine etwas andere Struktur.
In der Altstadt gab es eine ungewöhnlich große Zahl privater Vorratsgebäude und Speicher.
Das bedeutet:
Ein erheblicher Teil der Vorratshaltung war auf zahlreiche einzelne Anwesen verteilt.
Wer heute die großen Dachräume und Nebengebäude alter Rothenburger Häuser betrachtet, sieht deshalb teilweise noch Spuren dieser Speicherwirtschaft.
Vorräte waren lebenswichtig.
Denn zwischen einer guten Ernte und der nächsten lagen viele Monate.
Was passierte während einer Belagerung?
Hier zeigte sich die Schwäche der normalen Versorgung.
Viele der Wassermühlen lagen unten im Taubertal.

Während einer Belagerung konnten diese:
- vom Feind besetzt,
- zerstört,
- abgeschnitten
- oder für die Stadt unerreichbar
sein.
Deshalb wurde 1516 die Rothenburger Rossmühle errichtet.
Sie benötigte keinen Fluss.
Statt eines Wasserrades konnten Pferde den Mahlmechanismus antreiben.
Bis zu 16 Pferde konnten eingesetzt werden.
Damit ließ sich auch innerhalb der Befestigungen Getreide mahlen.
Die Rossmühle war deshalb nicht nur ein Wirtschaftsgebäude.
Sie war Teil der strategischen Lebensmittelversorgung der Stadt.
Fleisch, Tiere und Wolle
Neben Getreide spielte die Tierhaltung eine große Rolle.

Besonders wichtig war für Rothenburg die Schafhaltung.
Schafe lieferten gleich mehrere wertvolle Produkte:
- Fleisch,
- Wolle,
- Felle,
- Häute
- und teilweise Milch.
Vor allem Wolle entwickelte sich zu einem wichtigen Wirtschaftsgut.
Im 15. Jahrhundert sind Rothenburger Kaufleute als bedeutende Wollieferanten nach Nürnberg nachweisbar.
Dort benötigten Färber und Tuchmacher große Mengen Rohwolle.
Rothenburger Kaufleute handelten außerdem mit Schafen und Tuchen.
Ein Teil der Rothenburger Wollhändler besaß sogar Verbindungen bis zu den oberitalienischen Textilstädten.
Damit wird deutlich:
Rothenburg war zwar keine europäische Handelsmetropole wie Nürnberg oder Augsburg.
Einzelne Rothenburger Kaufleute waren dennoch in weitreichende Handelsnetze eingebunden.
Von Rothenburg nach Nürnberg
Ein besonders gut dokumentiertes Beispiel stammt aus dem 15. Jahrhundert.
Rothenburger Händler lieferten Wolle an Nürnberger Färber und Textilproduzenten.
Bezahlt wurde teilweise zu festgelegten Messeterminen.
Genannt werden unter anderem:
- die Nürnberger Heiltumsmesse,
- die Nördlinger Messe,
- die Rothenburger Andreasmesse.
Das zeigt, wie Handel damals funktionierte.
Eine Ware wurde nicht zwangsläufig sofort bar bezahlt.
Es gab:
- Kredite,
- Schuldscheine,
- Zahlungsfristen,
- Geschäftspartner,
- Vermittler
- und feste Messetermine.
Mittelalterlicher Handel konnte bereits erstaunlich komplex organisiert sein.
Fisch – wichtiger als man heute vermuten würde
Im Rothenburger Landgebiet existierten zahlreiche Teiche.

Fisch war besonders deshalb wichtig, weil an vielen kirchlichen Fastentagen kein Fleisch gegessen werden sollte.
Fisch stellte daher nicht nur eine gelegentliche Ergänzung des Speiseplans dar.
Er war ein wirtschaftlich relevantes Lebensmittel.
Teiche konnten gezielt angelegt und bewirtschaftet werden.
Interessanterweise erfüllten einige Gewässer sogar eine doppelte Funktion.
Sie dienten:
- der Fischzucht
- und gleichzeitig der Verteidigung.
Östlich der Stadt wurden mehrere Gewässer und Gräben miteinander verbunden und bildeten dadurch ein zusätzliches Hindernis für Angreifer.
Landwirtschaft, Wassermanagement und Verteidigung konnten also unmittelbar miteinander verbunden sein.
Und Wein?

Auch Wein gehörte zum Rothenburger Wirtschaftsraum.
An den südlich und südwestlich ausgerichteten Hängen des Taubertals wurde über Jahrhunderte Wein angebaut.
Der Weinbau ist in der Region bereits lange vor Rothenburgs großer Reichsstadtzeit nachweisbar.
Seine größte Bedeutung erreichte er im 15. und 16. Jahrhundert.
Wein war dabei:
- Lebensmittel,
- Handelsware,
- Wirtschaftsgut
- und Einnahmequelle.
Die alten Terrassen und Lesesteinriegel im Taubertal erinnern bis heute daran.
Woher bekam der Schmied sein Eisen?

Hier wird das Wirtschaftssystem besonders interessant.
Rothenburg und sein Umland besaßen viele landwirtschaftliche Rohstoffe.
Bei Metallen sah die Situation anders aus.
Das Rothenburger Land verfügte nur über vergleichsweise geringe eigene Bodenschätze.
Eisen, Kupfer und andere Metalle mussten deshalb zumindest zu einem erheblichen Teil über den Handel beschafft werden.
Das Eisen gelangte nicht unbedingt als fertiges Werkzeug in die Stadt.
Gehandelt werden konnten beispielsweise:
- Eisenstäbe,
- Schienen- beziehungsweise Stabeisen,
- Halbprodukte,
- Altmetall
- und fertige Metallwaren.
Aus diesem Material stellten Schmiede anschließend die benötigten Gegenstände her.
Was machte der Schmied daraus?
Der Schmied war für eine mittelalterliche Stadt unverzichtbar.

Er produzierte oder reparierte beispielsweise:
- Nägel,
- Hufeisen,
- Messer,
- Werkzeuge,
- Äxte,
- Beschläge,
- Türbänder,
- Schlösser,
- Ketten,
- Wagenbeschläge,
- landwirtschaftliche Geräte
- und Waffen.
Dabei existierte nicht einfach nur „der Schmied“.
Mit zunehmender Spezialisierung entstanden unterschiedliche Metallhandwerke.
In den Rothenburger Quellen finden sich später unter anderem:
- Hufschmiede,
- Waffenschmiede,
- Büchsenschmiede,
- Messerschmiede,
- Schlosser,
- Nagelschmiede
- und Kupferschmiede.
Eisen allein reicht nicht – der Schmied brauchte Energie
Um Eisen bearbeiten zu können, musste es stark erhitzt werden.
Dafür war Brennstoff nötig.
Für Schmiedefeuer spielte über lange Zeit Holzkohle eine wichtige Rolle.
Holzkohle konnte wesentlich höhere Temperaturen erzeugen als gewöhnliches Brennholz.
Damit führte eine weitere Versorgungskette in die Wälder des Rothenburger Territoriums:
Wald
↓
Holz
↓
Köhlerei
↓
Holzkohle
↓
Schmiede
↓
Metallprodukte
Die großen städtischen und hospitalischen Waldgebiete waren deshalb wirtschaftlich enorm wichtig.
Wald bedeutete nicht nur Bauholz.
Er bedeutete auch:
- Brennstoff,
- Holzkohle,
- Werkholz,
- Gerberrinde
- und Einnahmen.
Ein Wald war ein Rohstofflager
Heute betrachten wir einen Wald häufig in erster Linie als Naturraum.

Für eine mittelalterliche Stadt war er zusätzlich ein strategischer Wirtschaftsraum.
Holz wurde überall benötigt.
Zum Beispiel für:
- Häuser,
- Dächer,
- Fachwerk,
- Türen,
- Tore,
- Wagen,
- Fässer,
- Möbel,
- Werkzeuge,
- Gerüste,
- Brennstoff
- und Befestigungsanlagen.
Auch Gerber benötigten den Wald.
Bestimmte Eichenwälder konnten gezielt genutzt werden, um Gerberlohe aus der Rinde zu gewinnen.
Damit begann wiederum die Produktionskette für Leder.
Wie entstand Leder?
Tierhaltung lieferte nicht nur Fleisch.

Nach der Schlachtung blieben Häute zurück.
Diese mussten haltbar gemacht werden.
Daraus entwickelte sich ein spezialisiertes Handwerk: die Gerberei.
Die Gerber benötigten:
- Tierhäute,
- große Mengen Wasser,
- Gerbstoffe,
- Zeit
- und Erfahrung.
Aus dem Leder fertigten andere Handwerker anschließend:
- Schuhe,
- Gürtel,
- Taschen,
- Riemen,
- Geschirre,
- Scheiden
- und zahlreiche andere Gegenstände.
Auch hier griffen Landwirtschaft, Waldwirtschaft und städtisches Handwerk ineinander.
Wie baute man mehrere Kilometer Stadtmauer?
Die Rothenburger Stadtmauer ist vielleicht das sichtbarste Ergebnis dieser Wirtschaftsorganisation.
Mehrere Kilometer Mauer konnten nicht spontan errichtet werden.
Man benötigte über lange Zeit enorme Mengen an:
- Stein,
- Kalk,
- Sand,
- Holz,
- Eisen,
- Werkzeugen,
- Transportleistung
- und Arbeitskräften.
Der entscheidende Baustoff lag glücklicherweise direkt in der Region.
Der Rothenburger Baustein
Das Taubertal schneidet sich tief in den Muschelkalk ein.

Bestimmte Kalksteinbänke der Region wurden sogar als „Rothenburger Baustein“ bezeichnet.
Steinbrüche im Umfeld lieferten Material für Häuser und Befestigungsanlagen.
An der Stadtmauer findet man überwiegend Bruch- und Mischmauerwerk.
Verwendet wurden unter anderem:
- Muschelkalk,
- Kalkstein,
- Sandstein
- und weiteres regional verfügbares Steinmaterial.
Die Steine mussten aus dem Steinbruch gebrochen und anschließend zur Baustelle transportiert werden.
Ohne Lastwagen.
Ohne Bagger.
Ohne moderne Kräne.
Vom Steinbruch zur Stadtmauer

Eine vereinfachte Produktionskette sah ungefähr so aus:
Steinbruch
↓
Steine lösen und zurichten
↓
auf Wagen verladen
↓
Transport mit Zugtieren
↓
Baustelle
↓
Maurer und Steinmetze
↓
Stadtmauer
Doch Stein allein ergibt noch keine Mauer.
Die Zwischenräume mussten verbunden werden.
Dafür benötigte man Mörtel.
Woher kam der Kalk für den Mörtel?
Kalkstein konnte in Kalköfen stark erhitzt werden.
Dabei entstand gebrannter Kalk.
Nach weiterer Verarbeitung ließ sich daraus ein Bindemittel für Mörtel herstellen.
Auch Kalkbrennereien sind für das Rothenburger Landgebiet überliefert.
Damit konnte ein wesentlicher Baustoff direkt innerhalb des eigenen Wirtschaftsraums hergestellt werden.
Die Produktionskette lautete ungefähr:
Kalkstein
↓
Kalkofen
↓
gebrannter Kalk
↓
Verarbeitung mit Wasser und Zuschlagstoffen
↓
Mörtel
↓
Mauerbau
Und wofür brauchte man Holz beim Mauerbau?
Eine Steinmauer benötigte erstaunlich viel Holz.
Unter anderem für:
- Gerüste,
- Hebevorrichtungen,
- Laufstege,
- Tore,
- Türen,
- Dachkonstruktionen der Türme,
- Wehrgänge,
- Wagen
- und Werkzeugstiele.
Dazu kamen eiserne Bauteile:
- Nägel,
- Beschläge,
- Klammern,
- Scharniere,
- Schlösser.
Der Bau einer Befestigungsanlage verband deshalb fast alle wichtigen Gewerbe einer Stadt miteinander.
Wer arbeitete an einer Stadtmauer?

An einem großen Bauprojekt konnten unter anderem beteiligt sein:
- Steinbrecher,
- Steinmetze,
- Maurer,
- Zimmerleute,
- Schmiede,
- Kalkbrenner,
- Fuhrleute,
- Holzarbeiter,
- Tagelöhner
- und Bauverantwortliche.
Dazu kam die Verwaltung.
Material musste:
- bestellt,
- bezahlt,
- transportiert,
- gelagert
- und kontrolliert
werden.
Löhne mussten bezahlt und Arbeiten koordiniert werden.
Eine große Befestigungsanlage war deshalb nicht nur eine militärische Leistung.
Sie war ebenso eine organisatorische und wirtschaftliche Leistung der Stadt.
Wer organisierte das alles?
Mit zunehmender Größe der Reichsstadt entstand eine immer umfangreichere Verwaltung.

Der Stadtrat musste sich nicht nur mit Politik beschäftigen.
Er musste ebenso Regeln für das tägliche Funktionieren der Stadt schaffen.
Dazu gehörten unter anderem Bereiche wie:
- Steuern,
- Zölle,
- Märkte,
- Handwerk,
- Mühlen,
- Bauwesen,
- Straßen,
- Wasser,
- Forstwirtschaft
- und Lebensmittelversorgung.
Die erhaltenen Rothenburger Archivbestände zeigen, wie umfangreich diese Verwaltung im Laufe der Zeit wurde.
Es existierten Unterlagen zu:
- Bauangelegenheiten,
- Steuer- und Zehntabgaben,
- Münzen und Zoll,
- Handwerk und Gewerbe,
- Mühlen,
- Fischerei,
- Forst
- und Handel.
Eine Reichsstadt war also keine Ansammlung weitgehend unabhängiger Häuser.
Sie besaß eine regelrechte Verwaltung.
Die Stadttore waren auch Wirtschaftskontrollpunkte
Ein Stadttor hatte nicht nur eine militärische Funktion.

Wer Waren in die Stadt brachte, musste durch eines dieser Tore.
Damit konnte kontrolliert werden:
- wer die Stadt betrat,
- welche Waren eingeführt wurden,
- welche Waren ausgeführt wurden
- und gegebenenfalls welche Abgaben zu zahlen waren.
Noch größer wurde dieses Kontrollsystem durch die Rothenburger Landhege.
Sie umschloss große Teile des reichsstädtischen Territoriums.
An ihren Durchgängen und Landtürmen konnte der Verkehr überwacht werden.
Hegereiter kontrollierten die Grenze.
Landtürme dienten teilweise gleichzeitig als:
- Wachposten
- und Zollstellen.
Damit kontrollierte Rothenburg seine Warenströme nicht erst an der Stadtmauer.
Die wirtschaftliche Grenze lag teilweise viele Kilometer weiter draußen.
Handel bedeutete Transport

Fast alle Waren mussten auf dem Landweg bewegt werden.
Transportiert wurde mit:
- Wagen,
- Karren,
- Pferden,
- Ochsen,
- Packtieren
- oder schlicht durch Menschen.
Das war teuer.
Schwere Güter waren besonders problematisch.
Ein Wagen voller Steine oder Getreide konnte nicht beliebig weit wirtschaftlich transportiert werden.
Deshalb war es ein großer Vorteil, dass viele schwere Massengüter aus dem unmittelbaren Umland kamen.
Dazu gehörten beispielsweise:
- Stein,
- Holz,
- Getreide,
- Tierprodukte
- und teilweise Baustoffe.
Je weiter eine Ware transportiert werden musste, desto wertvoller musste sie normalerweise sein, damit sich der Transport lohnte.
Wo lag Rothenburg im größeren Handelsnetz?
Rothenburg lag an einer historischen Verkehrsverbindung, die von Augsburg über Rothenburg weiter in Richtung Aub, Ochsenfurt und Würzburg führte.

Damit besaß die Stadt Anschluss an größere süddeutsche Handelsräume.
Weitere Verbindungen führten zu regional bedeutenden Städten und Märkten.
Rothenburg darf dabei jedoch nicht mit Nürnberg oder Augsburg gleichgesetzt werden.
Diese Städte entwickelten große internationale Handelsgesellschaften und enorme Fernhandelsnetze.
Rothenburgs wirtschaftliche Stärke lag stärker in:
- seinem großen Landgebiet,
- landwirtschaftlicher Produktion,
- Schafhaltung und Wolle,
- regionalem Handel
- und der Kontrolle seines Umlands.
Einzelne Rothenburger Kaufleute konnten trotzdem sehr weitreichende Geschäfte betreiben.
Was musste von außen kommen?
Trotz des großen Landgebiets konnte Rothenburg niemals alles selbst herstellen.
Von außerhalb mussten Waren kommen, die:
- regional nicht vorkamen,
- nicht in ausreichender Menge vorhanden waren
- oder andernorts besser hergestellt wurden.
Dazu konnten insbesondere gehören:
- Metalle,
- Salz,
- bestimmte hochwertige Stoffe,
- spezielle Farbstoffe,
- Gewürze,
- Luxuswaren
- und besondere Handwerksprodukte.
Damit blieb Rothenburg trotz seines großen Territoriums Teil eines größeren europäischen Wirtschaftsnetzes.
Der Markt verband Stadt und Land

Der Marktplatz war deshalb weit mehr als ein schöner Platz vor dem Rathaus.
Er war ein wirtschaftlicher Mittelpunkt.
Hier trafen verschiedene Welten aufeinander:
Bauern brachten Erzeugnisse vom Land.
Handwerker verkauften Produkte aus ihren Werkstätten.
Händler brachten Waren aus anderen Regionen.
Bürger kauften Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände.
Daneben existierten spezialisierte Verkaufsplätze und Märkte.
Der Markt war damit einer der Orte, an denen das gesamte Versorgungssystem sichtbar wurde.
Geld war nur eine Möglichkeit
Handel bedeutete nicht automatisch:

> Ware gegen Münze.
Geschäfte konnten wesentlich komplizierter sein.
Aus spätmittelalterlichen Rothenburger Handelsunterlagen kennen wir beispielsweise:
- Kredite,
- Zahlungsfristen,
- Schuldurkunden,
- Zahlungen über Mittelsmänner,
- Teilzahlungen
- und Abrechnung zu Messeterminen.
Ein Kaufmann musste deshalb nicht nur Waren kennen.
Er musste auch:
- rechnen,
- Verträge verstehen,
- Geschäftspartner einschätzen,
- Risiken beurteilen
- und Forderungen eintreiben können.
Ein erfolgreicher Kaufmann war gleichzeitig Händler, Organisator und Finanzier.
Und wenn das System zusammenbrach?
Solange:
- Felder Ernten lieferten,
- Straßen offen waren,
- Mühlen arbeiteten,
- Händler kamen
- und das Umland sicher war,
funktionierte die Stadt.
Doch Krieg zeigte die Schwächen dieses Systems.
Eine Armee konnte:
- Felder verwüsten,
- Vieh rauben,
- Mühlen zerstören,
- Händler fernhalten,
- Straßen blockieren,
- Dörfer plündern
- und Transporte unterbrechen.
Plötzlich war nicht mehr entscheidend, wie hoch eine Stadtmauer war.
Die Frage lautete:
Wie lange können die Menschen hinter dieser Mauer noch essen?
Deshalb gehörten Versorgung und Verteidigung unmittelbar zusammen.
Rothenburg war keine Insel
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb:
Die Stadtmauer war nicht die Grenze des täglichen Lebens.
Rothenburg konnte nur existieren, weil außerhalb dieser Mauer tausende wirtschaftliche Vorgänge stattfanden.
Auf den Feldern wurde Getreide angebaut.
Auf den Weiden standen Schafe.
In den Wäldern wurde Holz gewonnen.
In den Teichen wurden Fische gezüchtet.
Im Taubertal drehten sich Mühlräder.
In Steinbrüchen wurden Bausteine gebrochen.
Händler brachten Eisen und andere Waren.
Fuhrleute transportierten alles in die Stadt.
Und innerhalb der Mauern verwandelten Handwerker diese Rohstoffe in:
- Brot,
- Kleidung,
- Werkzeuge,
- Schuhe,
- Häuser
- und Befestigungen.
Das Wirtschaftssystem Rothenburgs auf einen Blick
| Bedarf der Stadt | wichtigste Herkunft | weitere Verarbeitung |
|---|---|---|
| Getreide | Äcker des Umlands | Mühle → Bäcker |
| Fleisch | Viehhaltung im Landgebiet | Metzger |
| Wolle | Schafhaltung | Spinner → Weber → Färber → Schneider |
| Fisch | Teiche und Gewässer | Markt / Haushalt |
| Wein | Taubertal | Winzer → Händler |
| Holz | Wälder des Landgebiets | Zimmerleute, Schreiner, Köhler |
| Leder | Viehhaltung | Gerber → Schuhmacher/Sattler |
| Stein | regionale Steinbrüche | Steinmetz → Maurer |
| Kalk | Kalkstein und Kalkbrennereien | Mörtel / Bauwesen |
| Eisen | überwiegend Handel von außerhalb | Schmiede |
| Wasserkraft | Tauber und Nebenflüsse | Mühlen und Gewerbe |
Eigentlich war die Reichsstadt eine große Maschine
Man kann Rothenburg deshalb beinahe wie ein System betrachten.
Die Stadt war das Zentrum.
Das Landgebiet lieferte Nahrung und Rohstoffe.
Die Tauber lieferte Energie.
Straßen verbanden Rothenburg mit anderen Städten.
Märkte verteilten die Waren.
Handwerker verwandelten Rohstoffe in Produkte.
Händler überbrückten die Entfernungen.
Und der Rat schuf Regeln, erhob Abgaben, kontrollierte Verkehrswege und organisierte Teile der Infrastruktur.
Erst wenn all diese Elemente zusammenspielten, konnte eine Stadt mit mehreren tausend Menschen dauerhaft funktionieren.
Wer heute durch Rothenburg geht, sieht noch viele Bestandteile dieses Systems:
- den Marktplatz,
- die Stadttore,
- die Stadtmauer,
- große Speicherböden,
- die Rossmühle,
- die Mühlen im Taubertal,
- alte Handwerkerhäuser,
- die Weinberge,
- die Wälder
- und sogar Reste der Landhege.
Sie sind nicht einfach einzelne historische Sehenswürdigkeiten.
Sie waren Teile eines einzigen großen Versorgungssystems.