Geschichte, die Orte verbindet
Geschichte Rothenburgs
Rothenburg wird nicht nur gezeigt, sondern erklärt: Reichsstadt, Handel, Alltag, Krisen, Wiederaufbau und Tourismusgeschichte.
Die Geschichte Rothenburgs – Vom Machtzentrum zur romantischen Stadt
Wer heute durch Rothenburg ob der Tauber läuft, sieht eine kleine Stadt, deren Mauern, Türme und Gassen scheinbar aus einer längst vergangenen Zeit erhalten geblieben sind.
Doch dieses Bild kann täuschen.
Rothenburg war nicht immer die beschauliche historische Stadt, die heute Besucher aus aller Welt anzieht. Im Mittelalter war Rothenburg königlicher Stützpunkt, Reichsstadt, politischer Akteur und Mittelpunkt eines eigenen großen Territoriums.
Von hier aus wurden Dörfer und Herrschaftsrechte verwaltet. Die Stadt schloss Bündnisse mit anderen Reichsstädten, kontrollierte ein weitläufiges Umland und war zeitweise Teil politischer und religiöser Netzwerke, die weit über Franken hinausreichten.
Dann verlor Rothenburg seine Bedeutung.
Andere Städte wurden größer, wirtschaftlich stärker und moderner. Rothenburg blieb zurück.
Und genau daraus entstand Jahrhunderte später etwas, das niemand geplant hatte:
Der Niedergang der einst mächtigen Stadt half dabei, das historische Rothenburg zu bewahren – und machte es schließlich zu einem der bekanntesten Reiseziele Deutschlands.
Bevor es Rothenburg gab
Die Geschichte Rothenburgs beginnt nicht auf dem heutigen Marktplatz.
Sie beginnt zunächst unten im Taubertal.
Bereits um 970 bestand im heutigen Detwang eine Pfarrei. Die Kirche St. Peter und Paul wurde später zur Mutterkirche der heutigen St.-Jakobs-Kirche.
Auch politisch war die Gegend bereits interessant. Um 1080 errichteten die Grafen von Comburg eine Burganlage auf dem sogenannten Essigkrug in der Nähe des späteren Spitalbereichs.
Eine Stadt Rothenburg gab es damals jedoch noch nicht.
Der entscheidende Schritt folgte erst im 12. Jahrhundert.
1142 – Ein König baut über dem Taubertal
Im Jahr 1142 gelangte das Gebiet an König Konrad III., den ersten deutschen König aus dem Geschlecht der Staufer.

Er ließ auf dem Bergsporn über der Tauber eine neue Burg errichten.
Und genau hier kann man die Geschichte heute noch räumlich nachvollziehen:
Die Reichsburg stand im Bereich des heutigen Burggartens.
Wer heute durch den Burggarten spaziert und über das Taubertal blickt, befindet sich also an einem der wichtigsten Ausgangspunkte der Rothenburger Stadtgeschichte.
Die Lage war hervorragend gewählt.
Auf mehreren Seiten fällt das Gelände steil ins Taubertal ab. Die Burg war dadurch natürlich geschützt und bot gleichzeitig einen weiten Blick über die Umgebung und wichtige Verkehrswege.
Die später sogenannte Rote Burg war keine gewöhnliche Ritterburg.
1167 wird sie als „Castrum Imperiale“ – als Reichsburg – bezeichnet.
Rothenburg gehörte damit unmittelbar zum Herrschaftssystem der Staufer.
Rothenburg wird staufisches Machtzentrum
Für einige Jahrzehnte bekam dieser Ort eine Bedeutung, die man der heutigen Kleinstadt kaum ansehen würde.
Konrad III. ließ seinen Sohn Friedrich in Rothenburg erziehen. Friedrich wurde später Herzog von Schwaben und bezeichnete sich selbst mehrfach als:
„Dux de Rothenburg“ – Herzog von Rothenburg.
Auch Konrad II. von Schwaben, ein Sohn Kaiser Friedrich Barbarossas, führte später Rothenburg in seinem Namen.
Rothenburg war damit im 12. Jahrhundert ein bedeutender staufischer Herrschaftsort im schwäbisch-fränkischen Raum.
Die Burg über dem Taubertal war Teil eines politischen Netzes, das große Teile Mitteleuropas umfasste.
Doch eine Burg allein macht noch keine Stadt.
Aus der Burgsiedlung wird Rothenburg
Eine königliche Burg benötigte Menschen.
Handwerker mussten Gebäude errichten und reparieren. Händler brachten Waren. Lebensmittel mussten beschafft, Pferde versorgt und Verwaltungsaufgaben erledigt werden.
Östlich der Burg entstand deshalb nach und nach eine Siedlung.
Mit der Zeit entwickelte sie ein eigenes wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben.
1227 werden erstmals Rothenburger Bürger erwähnt.
1239 besaß Rothenburg bereits ein eigenes Siegel.
Und 1241 wird Rothenburg ausdrücklich als „Civitas“ – als Stadt – bezeichnet.
Aus dem Umfeld der Burg war innerhalb weniger Generationen eine städtische Gemeinschaft entstanden.
Es gab bereits einen Marktplatz, Befestigungen, eine Stadtkirche und zahlreiche Handwerksbetriebe. Auch verschiedene geistliche Gemeinschaften wie Johanniter, Deutscher Orden, Franziskaner und Dominikanerinnen waren vertreten.
Rothenburg war kein Burgdorf mehr.
Es wurde eine richtige Stadt.
1274 – Rothenburg wird Reichsstadt
Der nächste entscheidende Schritt erfolgte am 15. Mai 1274.

König Rudolf von Habsburg stellte die Rothenburger unter besonderen Schutz des Reiches und bestätigte beziehungsweise erweiterte wichtige Rechte der Stadt.
Damit begann der Aufstieg Rothenburgs zur Reichsstadt.
Das bedeutete vereinfacht:
Zwischen der Stadt und dem König beziehungsweise Kaiser stand kein Graf, Herzog oder Fürst als eigentlicher Landesherr.
Rothenburg konnte immer mehr seiner Angelegenheiten selbst regeln.
Die Stadt entwickelte:
- einen eigenen Rat,
- eigene Gerichte,
- eigene Finanzen,
- eigene Befestigungen,
- Markt- und Wirtschaftsrechte,
- und zunehmend eine eigene politische Handlungsfähigkeit.
Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts war Rothenburg weitgehend autonom.
Eine besondere Stellung im Heiligen Römischen Reich
Das damalige Reich war kein zentral regierter Staat wie das heutige Deutschland.
Herzogtümer, Grafschaften, Bistümer, Fürstentümer, Ritterherrschaften und Reichsstädte existierten nebeneinander.
Gerade Franken war politisch stark zersplittert.
Zu den fränkischen Reichsstädten gehörten unter anderem:
Nürnberg, Rothenburg, Schweinfurt, Weißenburg und Windsheim.
Nürnberg war wirtschaftlich wesentlich mächtiger.
Doch Rothenburg entwickelte eine Besonderheit, die selbst unter Reichsstädten außergewöhnlich war.
Es begann, ein eigenes großes Territorium aufzubauen.
Aus einer Stadt wird beinahe ein kleiner Staat
Ab 1383 kaufte Rothenburg systematisch Besitz und Herrschaftsrechte außerhalb seiner Mauern.
Dazu gehörten:
- Dörfer,
- Höfe,
- Wälder,
- Grundstücke,
- Burgen,
- Gerichtsrechte
- und weitere Herrschaftsrechte.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entstand ein weitgehend zusammenhängendes Gebiet von ungefähr 400 Quadratkilometern.
Schließlich gehörten weit über 160 Ortschaften zum Rothenburger Herrschaftsbereich.
Das ist wichtig, wenn man die historische Bedeutung Rothenburgs verstehen möchte.
Rothenburg bestand nicht nur aus der Altstadt innerhalb ihrer Mauern.
Das politische Rothenburg war:
Stadt + Dörfer + Landwirtschaft + Burgen + Gerichte + Verkehrswege + ein großes eigenes Umland.
In gewisser Weise funktionierte es wie ein kleiner Stadtstaat.
Eine zweite Grenze weit vor der Stadtmauer
Dieses große Landgebiet besaß sogar ein eigenes äußeres Schutzsystem:
die Rothenburger Landhege.
Sie verlief weit außerhalb der eigentlichen Stadt und erreichte eine Länge von rund 60 Kilometern.
Sie bestand unter anderem aus:
- Gräben,
- Wällen,
- Hecken,
- kontrollierten Durchlässen
- und Landtürmen.
Eine große Armee hätte diese Befestigung nicht aufgehalten.
Das war auch nicht ihr eigentlicher Zweck.
Sie sollte kleinere bewaffnete Gruppen, Räuber und Plünderer behindern und gleichzeitig dafür sorgen, dass Menschen und Waren möglichst nur an kontrollierbaren Stellen in das Rothenburger Gebiet gelangten.
Dort konnten auch Abgaben und Zölle erhoben werden.
Rothenburg besaß damit gewissermaßen zwei Grenzen:
die mächtige Stadtmauer direkt um die Stadt und eine zweite, kilometerweit draußen liegende Grenze um das eigene Territorium.
Heinrich Toppler und der Höhepunkt der Macht
Mit dieser Zeit ist ein Name besonders eng verbunden:
Heinrich Toppler.
Er gehörte zu den reichsten und einflussreichsten Männern Rothenburgs und prägte die Politik der Stadt über Jahrzehnte.
Unter anderem fällt ein bedeutender Teil der territorialen Expansion in seine Zeit.
Doch Topplers Geschichte ist so außergewöhnlich, dass sie einen eigenen Artikel verdient.
Sein Aufstieg, sein Reichtum, seine politischen Bündnisse und sein rätselhaftes Ende im Gefängnis unter dem Rathaus gehören zu den spannendsten Geschichten Rothenburgs.
Dazu gibt es unseren eigenen Artikel über Heinrich Toppler.
Für die große Stadtgeschichte ist zunächst entscheidend:
Um 1400 erreichte Rothenburg den Höhepunkt seines politischen Machtstrebens.
Wovon lebte diese Stadt?
Rothenburg wird manchmal als große mittelalterliche Handelsstadt dargestellt.
Ganz so einfach war es nicht.
Die Stadt lag durchaus günstig an Verkehrswegen. Eine wichtige Verbindung führte beispielsweise von Augsburg über Rothenburg in Richtung Aub, Ochsenfurt und Würzburg.
Auch Richtung Nürnberg bestanden wichtige Verbindungen.
Händler, Reisende und Pilger kamen durch das Gebiet.
Doch Rothenburg war keine Handelsmetropole wie Nürnberg, Augsburg oder Frankfurt.
Seine wirtschaftliche Stärke beruhte wesentlich stärker auf seinem großen Umland.
Das Land ernährte die Stadt

Das Rothenburger Territorium produzierte unter anderem:
- Getreide,
- Vieh,
- Wolle,
- Wein,
- Holz
- und zahlreiche Lebensmittel und Rohstoffe.
Besonders Schafzucht und Wollproduktion waren bedeutend.
Auch Wein spielte im Taubertal eine Rolle.
Auf den Märkten der Stadt trafen deshalb unterschiedliche Wirtschaftskreisläufe aufeinander.
Bauern brachten ihre Produkte aus dem Umland.
Handwerker benötigten Rohstoffe.
Weber verarbeiteten Wolle.
Gerber arbeiteten mit Häuten.
Büttner stellten Fässer her.
Schmiede benötigten Metall und Brennstoffe.
Händler kauften Waren auf und verkauften sie weiter.
Gasthäuser versorgten Reisende und Geschäftsleute.
Bereits 1282 wurde im Zusammenhang mit dem Franziskanerkloster ein großer Jahrmarkt in der Herrngasse erlaubt.
Der heutige Marktplatz und die umliegenden Straßen waren also nicht einfach repräsentative Kulissen.
Hier wurde gehandelt, verhandelt und gearbeitet.
Rothenburg war Teil eines Städtenetzwerks
Eine Reichsstadt konnte ihre Interessen nicht immer allein verteidigen.
Handelswege mussten geschützt und politische Gegner in Schach gehalten werden.
Deshalb schlossen sich Städte zusammen.
Bereits 1344 verbündete sich Rothenburg unter anderem mit:
- Nürnberg,
- Würzburg,
- Weißenburg
- und Windsheim
zur Sicherung des Landfriedens.
Später gehörte Rothenburg auch größeren süddeutschen Städtebünden an.
Dort trafen die Interessen von Städten wie Nürnberg, Ulm, Augsburg, Nördlingen, Dinkelsbühl und Rothenburg aufeinander.
Dabei ging es nicht um Städtepartnerschaften im heutigen Sinn.
Es ging um Macht.
Um sichere Wege.
Um politische Interessen.
Und im Ernstfall um militärische Unterstützung.
Rothenburg war damit keineswegs isoliert, sondern Teil eines weitreichenden süddeutschen Städtenetzwerks.
Rothenburg und das jüdische Europa
Zu dieser Geschichte gehört noch ein zweites, völlig anderes europäisches Netzwerk.
Bereits 1180 wird ein Jude in Rothenburg erwähnt.
Im 13. Jahrhundert entwickelte sich eine bedeutende jüdische Gemeinde.
Der bekannteste jüdische Gelehrte Rothenburgs war Rabbi Meir ben Baruch, der später als MaHaRaM von Rothenburg bekannt wurde.
Er leitete eine Talmudschule, eine Jeschiwa, zu der Schüler aus unterschiedlichen Teilen Europas kamen.
Rothenburg wurde dadurch zeitweise zu einem bedeutenden Ort jüdischer Gelehrsamkeit im mittelalterlichen Deutschland.
Doch diese Geschichte hat eine dunkle Seite.
Beim Rintfleisch-Pogrom von 1298 wurden zahlreiche jüdische Einwohner Rothenburgs ermordet.
Später entstand erneut eine Gemeinde.
Seit dem späten 14. Jahrhundert entwickelte sich die heute noch vorhandene Judengasse zu einem Zentrum jüdischen Lebens.
1520 wurden Juden schließlich aus Rothenburg vertrieben.
Auch das gehört zur Stadtgeschichte.
Das mittelalterliche Rothenburg bestand nicht nur aus Rittern, Ratsherren, Kirchen und Mauern.
Es war eine komplexe Gesellschaft – mit kulturellem Austausch, aber ebenso mit Ausgrenzung und Gewalt.
Um 1500 verändert sich die Welt
Rothenburg hatte inzwischen den Höhepunkt seines politischen Aufstiegs überschritten.
Bereits im 15. Jahrhundert stagnierte das Bevölkerungswachstum.
Auch innerhalb der Stadt kam es zu Konflikten.
1451 versuchten Handwerker, größere politische Mitspracherechte gegenüber den führenden patrizischen Familien durchzusetzen.
Zeitweise hatten sie damit Erfolg, bevor die alte politische Ordnung wiederhergestellt wurde.
Gleichzeitig veränderte sich Europa.
Territorialstaaten wurden stärker.
Militärtechnik entwickelte sich weiter.
Wirtschaftliche Zentren verschoben sich.
Große Handelsstädte wie Nürnberg oder Augsburg entwickelten eine Dynamik, mit der Rothenburg immer weniger mithalten konnte.
1544 wird Rothenburg evangelisch
Mit der Reformation veränderte sich auch das religiöse Leben grundlegend.
1544 führte Rothenburg dauerhaft die evangelisch-lutherische Konfession ein.
Klöster wurden aufgelöst oder erhielten neue Aufgaben. Besitzverhältnisse änderten sich.
Die Folgen sind heute noch im Stadtbild sichtbar.
Die ursprünglich katholische St.-Jakobs-Kirche ist heute evangelisch.
Das ehemalige Dominikanerinnenkloster beherbergt heute das RothenburgMuseum.
Andere kirchliche Gebäude wurden zu Schulen, Speichern oder öffentlichen Einrichtungen.
Eine zweite kulturelle Blüte
Obwohl Rothenburg politisch bereits an Gewicht verloren hatte, war die Stadt keineswegs bedeutungslos geworden.
Gerade in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstand ein Teil der Architektur, die Besucher heute selbstverständlich zum „mittelalterlichen Rothenburg“ rechnen.
Dazu gehören unter anderem:
- der Renaissanceflügel des Rathauses,
- neue Gebäude des Spitals,
- die Spitalbastei
- und eine neue Lateinschule.
Das heutige Stadtbild ist deshalb kein eingefrorenes Mittelalter.
Es ist das Ergebnis vieler Jahrhunderte.
Mittelalter, Renaissance und frühe Neuzeit liegen in Rothenburg unmittelbar nebeneinander.
Der Dreißigjährige Krieg verändert alles
1618 begann der Dreißigjährige Krieg.
Für Rothenburg wurde er zu einem tiefen wirtschaftlichen Einschnitt.
Als protestantische Reichsstadt geriet Rothenburg immer wieder zwischen die Fronten.
Truppen mussten versorgt und einquartiert werden. Geld, Lebensmittel und andere Leistungen wurden verlangt.
Plünderungen und Krankheiten belasteten Stadt und Land zusätzlich.
1631 wurde Rothenburg von kaiserlichen Truppen unter General Tilly eingenommen.

Auf diesen Vorgang geht später die berühmte Geschichte des „Meistertrunks“ zurück.
1645 wurde die Stadt erneut militärisch erobert.
Die Kriege und Belagerungen Rothenburgs werden wir in einem eigenen Artikel ausführlicher betrachten.
Für die Entwicklung der Stadt ist an dieser Stelle entscheidend:
Nach dem Dreißigjährigen Krieg war die wirtschaftliche Kraft Rothenburgs schwer beschädigt.
Rothenburg bleibt stehen
Nach dem Krieg blieb Rothenburg zwar weiterhin Reichsstadt.
Doch die große Zeit war vorbei.
Die Stadt war hoch verschuldet und wirtschaftlich weiterhin stark von ihrem landwirtschaftlichen Umland abhängig.
Andere Städte wuchsen schneller.
Residenzstädte wurden ausgebaut.
Neue Wirtschaftsformen entstanden.
Später begann die Industrialisierung.
Rothenburg entwickelte sich dagegen vergleichsweise langsam.
Was damals ein Nachteil war, sollte Jahrhunderte später entscheidend werden.
Denn wo nur wenig wirtschaftlicher Druck bestand, gab es auch weniger Anlass, die alte Stadt radikal umzubauen.
Viele Häuser blieben erhalten.
Die Mauern blieben.
Die Türme blieben.
Die engen Straßen blieben.
Rothenburg wurde nicht deshalb bewahrt, weil schon damals jemand eine zukünftige Touristenstadt plante.
Vieles blieb auch deshalb bestehen, weil die wirtschaftliche Dynamik fehlte, die andere Städte grundlegend veränderte.
1802 – Nach mehr als 500 Jahren endet die Reichsstadt
Die napoleonische Zeit veränderte die politische Landkarte Europas.
1802/1803 verlor Rothenburg seine Reichsunmittelbarkeit und fiel an Bayern.
Damit endete eine politische Epoche, die mehr als fünf Jahrhunderte gedauert hatte.
Rothenburg war plötzlich keine weitgehend selbstständige Reichsstadt mehr.
Es besaß keine eigene Außenpolitik mehr.
Es war kein Territorialherr mehr.
Es wurde eine kleinere Stadt innerhalb des Königreichs Bayern.
1810 ging zudem der westliche Teil des ehemaligen Rothenburger Landgebietes an Württemberg verloren.
Der einstige kleine Stadtstaat war endgültig Vergangenheit.
Aus dem Niedergang entsteht etwas Neues
Im 19. Jahrhundert begann sich der Blick auf alte Städte zu verändern.
Industrialisierung und Urbanisierung veränderten Europa.
Städte wurden größer.
Fabriken entstanden.
Neue Straßen wurden gebaut.
Alte Stadtbefestigungen wurden vielerorts abgerissen, weil sie als Hindernis galten.
Rothenburg war anders.
Hier schien die Vergangenheit noch sichtbar zu sein.
Und genau das faszinierte eine neue Gruppe von Besuchern:
Künstler.
Maler entdecken Rothenburg
Im 19. Jahrhundert kamen zunehmend Künstler in die Stadt.
Sie suchten Orte, die einen Gegenentwurf zur modernen industriellen Welt darstellten.
Und Rothenburg bot ihnen genau das.
Türme erhoben sich über alten Dächern.
Die Stadtmauer war noch vorhanden.
Unterhalb der Stadt lag das Taubertal.
Alte Häuser, verwinkelte Gassen und teilweise sogar sichtbarer Verfall wirkten auf romantische Künstler nicht rückständig, sondern malerisch.
Sie zeichneten und malten:
- das Plönlein,
- das Burgtor,
- die Stadtmauer,
- die Türme,
- das Taubertal,
- historische Häuser
- und enge Gassen.
Dann geschah etwas Entscheidendes:
Diese Bilder verließen Rothenburg.
Rothenburg wird zuerst als Bild berühmt
Gemälde und Zeichnungen wurden ausgestellt und vervielfältigt.

Später kamen hinzu:
- Druckgrafiken,
- illustrierte Bücher,
- Reiseführer,
- Fotografien
- und Postkarten.
Menschen konnten Rothenburg sehen, bevor sie jemals dort gewesen waren.
Ein bestimmtes Bild der Stadt begann sich zu verbreiten:
Rothenburg als scheinbar erhaltene alte deutsche Stadt.
Als romantischer Gegenentwurf zur Moderne.
Als Ort, an dem Geschichte noch sichtbar war.
Damit geschah im 19. Jahrhundert etwas, das erstaunlich modern wirkt:
Rothenburg wurde zu einer Marke durch Bilder.
Das Plönlein funktioniert heute in sozialen Medien im Grunde noch nach demselben Prinzip.
Millionen Menschen sehen ein bestimmtes Bild – und verbinden damit Rothenburg.
Nur das Medium hat sich verändert.
1873 kommt die Eisenbahn
Bekanntheit allein genügte allerdings nicht.
Besucher mussten die Stadt auch erreichen können.
Das wurde 1873 wesentlich einfacher, als Rothenburg Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz erhielt.
Nun trafen zwei Entwicklungen aufeinander:
Die Menschen kannten Rothenburg aus Bildern und Berichten – und plötzlich konnten sie wesentlich einfacher hinfahren.
Der Fremdenverkehr begann zunehmend wirtschaftliche Bedeutung zu bekommen.
Gasthäuser, Hotels und andere Angebote konnten von den Besuchern profitieren.
Die ehemalige Reichsstadt entwickelte langsam eine völlig neue Funktion.
1881 beginnt Rothenburg, seine Geschichte selbst aufzuführen
Ein weiterer Schritt folgte wenige Jahre später.
1881 wurde erstmals das Historische Festspiel „Der Meistertrunk“ aufgeführt.
Rothenburger Bürger machten die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges zu einem historischen Schauspiel.
Es gab:
- historische Kostüme,
- Soldaten,
- Festzüge,
- Theater
- und Lagerleben.
Damit entstand etwas, das für Rothenburgs touristische Entwicklung äußerst wichtig wurde.
Die Stadt besaß nun nicht nur alte Gebäude.
Sie begann ihre eigene Geschichte für Besucher zu inszenieren und erlebbar zu machen.
Das Prinzip lebt bis heute weiter.
Um 1900 ist Rothenburg international bekannt
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr ausländische Künstler und Reisende.
Besonders britische Künstler entdeckten Rothenburg als Beispiel des „Picturesque“ – des Malerischen.
Fotografien, Postkarten und Reiseführer verbreiteten die Stadtansichten immer weiter.
Um 1900 war Rothenburg längst mehr als eine kleine bayerische Provinzstadt.
Es war zu einem international verbreiteten Idealbild der „alten deutschen Stadt“ geworden.
Damit war die Grundlage für das touristische Rothenburg geschaffen.
Eine ungewöhnliche Entwicklung
Wenn man diese fast tausendjährige Geschichte zusammenfasst, verändert Rothenburg mehrfach seine Rolle.
Im 12. Jahrhundert war es ein staufischer Herrschaftsort.
Im 13. und 14. Jahrhundert entwickelte es sich zur weitgehend selbstständigen Reichsstadt.
Um 1400 herrschte es über ein ungewöhnlich großes eigenes Territorium.
Es war Teil süddeutscher Städtenetzwerke und mit Rabbi Meir von Rothenburg zeitweise ein bedeutender Ort jüdischer Gelehrsamkeit.
Seine wirtschaftliche Stärke beruhte vor allem auf Landwirtschaft, Märkten, Handwerk und seinem großen Umland.
Dann kamen politische Veränderungen, Kriege und wirtschaftlicher Bedeutungsverlust.
1802 endete schließlich die Reichsstadt.
Doch gerade die folgende wirtschaftliche Schwäche sorgte mit dafür, dass große Teile der historischen Stadt erhalten blieben.
Künstler entdeckten dieses Rothenburg.
Ihre Bilder verbreiteten sich.
Die Eisenbahn brachte die Reisenden.
Und die Rothenburger selbst begannen mit dem Meistertrunk, ihre Vergangenheit zum Erlebnis zu machen.
Die vielleicht größte Ironie der Rothenburger Geschichte
Rothenburg wurde nicht weltberühmt, weil es besonders erfolgreich modernisiert wurde.
Fast das Gegenteil ist der Fall.
Die mittelalterliche Stadt wurde mächtig.
Dann verlor sie diese Macht.
Andere Städte wurden größer, moderner und industrieller.
Rothenburg blieb zurück.
Dadurch überstand ungewöhnlich viel historische Bausubstanz das 19. Jahrhundert.
Und plötzlich wurde genau das wertvoll.
Was zunächst Zeichen wirtschaftlicher Schwäche gewesen war, wurde zum größten Kapital der Stadt.
Rothenburgs Niedergang als Machtzentrum schuf damit eine der Voraussetzungen für seinen späteren Aufstieg als Reiseziel.
Um 1900 war dieser Wandel bereits deutlich sichtbar.
Doch die Geschichte des touristischen Rothenburg hatte gerade erst begonnen.
Weitere Artikel
Veröffentlichte Beiträge aus dem Bereich Geschichte.
1407 – Sechs Wochen vor den Mauern Rothenburgs
Im Sommer 1407 rückte der Krieg direkt an Rothenburg heran. Mächtige Gegner aus Würzburg und dem Haus Hohenzollern griffen das Rothenburger Land an, eroberten Burgen, zerstörten Ernten und versuchten schließlich, die Reichsstadt selbst in die Knie zu zwingen. Hinter den Mauern suchten Menschen aus dem Umland Schutz, während draußen ein Heer darauf setzte, Rothenburg auszuhungern. Es wurde kein Krieg großer Schlachten – sondern ein zermürbender Kampf um Vorräte, Zeit und Durchhaltevermögen.
Details ansehen
1631 – Als Tilly vor Rothenburg stand
Im Herbst 1631 geriet Rothenburg mitten in den Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt hatte sich unter schwedischen Schutz gestellt – kurz darauf stand mit Johann T’Serclaes von Tilly einer der gefürchtetsten Feldherren seiner Zeit vor den Mauern. Der Rat verweigerte die Übergabe und hoffte auf Hilfe aus Würzburg. Es folgten Beschuss, Sturmangriff und bange Stunden hinter den Befestigungen. Als sich die erwartete Rettung als kaiserliche Verstärkung entpuppte, blieb nur die Kapitulation. Rothenburg wurde geplündert – aber nicht zerstört. Aus diesen dramatischen Tagen entstand später die berühmte Legende vom Meistertrunk.
Details ansehenHeinrich Toppler
Heinrich Toppler war einer der mächtigsten Männer, die Rothenburg je hervorgebracht hat. Als Bürgermeister, Diplomat und Großgrundbesitzer prägte er den Aufstieg der Reichsstadt entscheidend und half dabei, ihr Herrschaftsgebiet weit über die Stadtmauern hinaus auszudehnen. Doch seine Karriere endete abrupt: 1408 ließ ihn der eigene Stadtrat verhaften. Wenige Wochen später starb Toppler im Gefängnis unter dem Rathaus – und bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was dort geschah.
Details ansehen