Ort
Das Burgtor
Am westlichen Ende der Herrngasse steht mit dem Burgtor eine der markantesten Toranlagen Rothenburgs ob der Tauber. Wer hindurchgeht, verlässt die dicht bebaute Altstadt und gelangt unmittelbar in den heutigen Burggarten hoch über dem Taubertal.
Historisch ist dieser Ort jedoch weit mehr als ein schöner Übergang zwischen Stadt und Park: Auf dem Gelände des heutigen Burggartens befand sich die staufische Reichsburg, an deren Seite sich die frühe Siedlung entwickelte, aus der später Rothenburg ob der Tauber hervorging. Das Burgtor führt damit gewissermaßen zurück zu einer der Keimzellen der Stadtgeschichte.
Das westliche Tor der Altstadt
Das heutige Burgtor entstand im Zuge der mittelalterlichen Stadtbefestigung.
Der mächtige quadratische Burgtorturm wird in das dritte Viertel des 14. Jahrhunderts datiert. Das vorgelagerte Torhaus entstand im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts. Die heute so charakteristischen Torwächterhäuschen vor dem Tor kamen deutlich später hinzu: Sie wurden 1596 von Leonhard Weidmann errichtet.
Zur erhaltenen Anlage gehören unter anderem:
- der hohe Burgtorturm
- das vorgelagerte Torhaus
- die Torbarbakane
- die Brücke
- zwei ehemalige Torwächterhäuschen
- verschiedene Wehröffnungen
- der Übergang zur Stadtmauer
Das Burgtor war damit auch hier wesentlich mehr als eine einfache Öffnung in der Stadtmauer.
Ein Tor an einer besonderen Stelle
Die Lage unterscheidet das Burgtor deutlich von Rödertor oder Klingentor.
Direkt hinter dem Tor befindet sich heute keine gewöhnliche Vorstadt, sondern ein schmaler Höhenrücken, der weit in Richtung Taubertal hinausragt. Genau dieser strategisch günstige Platz war bereits lange vor dem heutigen Burgtor von entscheidender Bedeutung.
Im Jahr 1142 ließ König Konrad III. hier eine staufische Reichsburg errichten. Neben der Burg entwickelte sich eine Siedlung, die im Laufe des 12. Jahrhunderts zur Stadt heranwuchs.
Man kann diesen Bereich deshalb vereinfacht als eine Art frühe Version oder Keimzelle Rothenburgs verstehen:
- zuerst die Burg auf dem Bergsporn
- daneben eine wachsende Siedlung
- daraus entwickelte sich die Stadt
- mit dem Wachstum entstanden neue Befestigungsringe und Stadttore
Wer heute durch das Burgtor geht, bewegt sich damit von der später entstandenen Altstadt auf ein Gelände, das ganz am Anfang der Entwicklung Rothenburgs eine zentrale Rolle spielte.
Wo ist die Burg geblieben?
Wer hinter dem Burgtor eine große mittelalterliche Burg erwartet, wird zunächst überrascht sein. An ihrer Stelle befindet sich heute der Burggarten.
Überliefert ist, dass die Burg beim großen Basler Erdbeben von 1356 schwer beschädigt worden sein soll. Wie stark das Erdbeben tatsächlich für den Untergang der Burg verantwortlich war, ist historisch allerdings nicht eindeutig geklärt. Die Forschung diskutiert auch, in welchem Zustand sich die Anlage zu diesem Zeitpunkt bereits befand.
Kaiser Karl IV. erlaubte den Rothenburger Bürgern später, Steine der Burg für städtische Bauten zu verwenden. Teile der ehemaligen Burganlage bestanden jedoch noch länger fort; Anfang des 15. Jahrhunderts wurden weitere Befestigungen niedergelegt.
Ganz verschwunden ist die Burg dennoch nicht.
Von der ehemaligen Anlage sind unter anderem Teile der alten Ringmauer und weitere bauliche Reste erhalten. Auch die heutige Blasiuskapelle geht auf einen Bau der ehemaligen Burganlage zurück.
Auf den Burggarten und die Geschichte der ehemaligen Reichsburg gehen wir in einem eigenen Artikel ausführlicher ein.
Der Burgtorturm
Über der Durchfahrt erhebt sich der mächtige Burgtorturm.
Seine Höhe hatte natürlich einen praktischen Zweck. Vom Turm aus konnte der Zugang zur Stadt ebenso wie das Gelände vor der Befestigung überwacht werden.
Gleichzeitig wirkte ein solcher Torturm bereits von weitem als sichtbares Zeichen:
Hier beginnt die befestigte Stadt.
Von der Herrngasse aus bildet der Turm noch heute einen markanten Abschluss der langen Straßenachse. In der Gegenrichtung öffnet sich hinter ihm plötzlich der Burggarten mit dem steil abfallenden Taubertal.
Gerade dieser starke Wechsel zwischen enger Stadt und weiter Landschaft macht das Burgtor besonders interessant.
Die Pechmaske am Burgtor
Ein kleines Detail sollte man beim Durchqueren des Tores nicht übersehen.
Auf der Außenseite des Burgturms befindet sich oberhalb der Durchfahrt eine auffällige steinerne Maske, die als Pechmaske bezeichnet wird. Die Öffnung ihres Mundes befindet sich unmittelbar über dem Zugang.
Der Überlieferung nach konnte durch diese Öffnung heißes Pech beziehungsweise eine heiße Flüssigkeit auf Angreifer geschüttet werden, die unmittelbar vor dem Tor standen.
Unabhängig davon ist die Maske heute eines jener kleinen Details, die man leicht übersieht, wenn man einfach nur durch das Tor hindurchgeht.
Unser Tipp: Vor dem Betreten des Tores einmal nach oben schauen.
Das „Nadelöhr“ für nächtliche Besucher
Noch ein interessantes Detail befindet sich im Bereich des Tores.
In einen der großen Torflügel ist eine wesentlich kleinere Tür eingelassen. Diese sogenannte Schlupfpforte oder das „Nadelöhr“ erlaubte den kontrollierten Durchgang einzelner Personen, wenn das große Stadttor bereits geschlossen war.
Das Prinzip ist leicht nachvollziehbar:
- das große Tor bleibt geschlossen
- kein Wagen oder größere Personengruppe kann passieren
- nur eine einzelne Person gelangt durch die kleine Öffnung
- der Zugang kann wesentlich leichter kontrolliert werden
Solche Details machen deutlich, dass ein Stadttor nicht nur im Kriegsfall wichtig war. Jeden Abend musste entschieden werden, wer nach Schließung der Tore noch in die Stadt durfte.
Die Torwächterhäuschen
Vor dem eigentlichen Burgtor stehen zwei kleine, nahezu spiegelbildlich angeordnete Gebäude mit ihren charakteristischen spitzen Dächern.
Sie entstanden 1596 nach Plänen des Rothenburger Baumeisters Leonhard Weidmann und gehörten zur repräsentativen und funktionalen Erweiterung der Toranlage.
Von hier aus ließ sich der Verkehr durch das Tor kontrollieren.
Gleichzeitig veränderte sich damit auch das Erscheinungsbild des Stadtzugangs. Das Burgtor war nicht nur Verteidigungsanlage, sondern wurde zunehmend zu einem repräsentativen Eingang in die Reichsstadt.
Vom Marktplatz bis zum Burgtor
Das Burgtor bildet den westlichen Abschluss einer der schönsten historischen Straßenachsen Rothenburgs.
Vom Marktplatz führt die Herrngasse nahezu direkt auf den Burgtorturm zu.
Wer diesen Weg zu Fuß geht, erlebt einen interessanten Wechsel:
- Marktplatz und Rathaus
- repräsentative Häuser der Herrngasse
- der immer größer werdende Burgtorturm
- enge Tordurchfahrt
- anschließend die überraschend offene Landschaft des Burggartens
Gerade dieser Übergang gehört für mich zu den schönsten Wegen durch Rothenburg.
##Fototipp
Das Burgtor bietet mehrere völlig unterschiedliche Perspektiven.
Besonders interessant sind:
- der Burgtorturm als Abschluss der Herrngasse
- das gesamte Tor mit den beiden Torwächterhäuschen
- der Blick vom Burggarten zurück in Richtung Stadt
- die Toranlage mit Blumen und Grünanlagen im Vordergrund
- architektonische Details der Torwächterhäuschen
- die Pechmaske oberhalb der Durchfahrt
- der Blick durch mehrere Torbögen hindurch
- Aufnahmen, bei denen der enge Torbogen den Burggarten oder die Herrngasse wie ein natürlicher Rahmen umfasst
Besonders wirkungsvoll ist der Kontrast zwischen beiden Seiten:
Zur Stadtseite wirkt das Burgtor massiv und urban – auf der anderen Seite öffnet sich unmittelbar der grüne Burggarten und das Taubertal.
Gut zu wissen
Das Burgtor liegt unmittelbar an der Stadtmauer-Tour und bildet gleichzeitig den Zugang zum Burggarten.
Für einen Besuch lohnt es sich, die Anlage von beiden Seiten anzusehen.
Von der Herrngasse aus erkennt man besonders gut die Funktion des Burgturms als Abschluss und Schutz des Stadtzugangs.
Auf der Seite des Burggartens werden dagegen:
Torwächterhäuschen
vorgelagerte Toranlage
Pechmaske
Befestigungselemente
Übergang zum ehemaligen Burggelände
wesentlich besser sichtbar.
Unser Tipp: Nicht einfach durch das Burgtor zum Burggarten laufen. Drehen Sie sich nach dem Durchqueren noch einmal um – viele der interessantesten Details der Toranlage befinden sich auf der Außenseite.