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Die Franziskanerkirche
Die Franziskanerkirche gehört zu den ältesten erhaltenen Kirchen Rothenburgs ob der Tauber und unterscheidet sich deutlich von der monumentalen St.-Jakobs-Kirche. Statt Größe und Repräsentation bestimmen Schlichtheit, klare Formen und eine ruhige Atmosphäre den Innenraum. Genau das entspricht dem ursprünglichen Gedanken des Franziskanerordens, der bewusst ein Leben in Armut und Bescheidenheit anstrebte.
Besonders sehenswert sind der Franziskusaltar aus der Zeit um 1490, einer der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Lettner Deutschlands, zahlreiche Grabdenkmäler Rothenburger Patrizierfamilien und elf moderne Glasfenster von Johannes Schreiter.
Eine der ältesten Kirchen Rothenburgs
Die Geschichte der Franziskaner in Rothenburg begann im 13. Jahrhundert.
1281 wurde das Kloster gegründet, kurz darauf begann der Bau der Kirche. Der Chor wurde 1309 geweiht. Damit entstand die Franziskanerkirche noch vor der heutigen St.-Jakobs-Kirche und gehört zu den ältesten großen erhaltenen Kirchenbauten der Stadt.
Die Kirche war ursprünglich Unserer Lieben Frau geweiht.
Die Franziskaner gehörten zu den sogenannten Bettelorden. Anders als große Klöster mit umfangreichem Grundbesitz sollten sie sich unter anderem durch Almosen und Stiftungen finanzieren und möglichst nahe bei den Menschen leben.
Auch deshalb lag das Rothenburger Kloster nicht abgeschieden außerhalb der Stadt, sondern mitten im städtischen Leben.
Schlichtheit war Teil des Konzepts
Wer von St. Jakob zur Franziskanerkirche kommt, erkennt sofort den Unterschied.
Die Franziskanerkirche wirkt wesentlich zurückhaltender.
Typisch sind:
- ein vergleichsweise schlichter Außenbau
- ein dreischiffiges Langhaus
- eine flache Holzdecke
- ein langgestreckter gotischer Chor
- Kreuzrippengewölbe im Chor
- ein kleiner Dachreiter statt eines mächtigen Kirchturms
Diese Zurückhaltung war kein Zeichen fehlender Bedeutung.
Die Architektur entsprach dem Selbstverständnis eines Bettelordens, der demonstrativen Reichtum vermeiden wollte.
Selbst die Fenster des Chores sind zurückhaltender gestaltet als bei repräsentativeren Kirchen der Stadt.
Mitten im Viertel der wohlhabenden Rothenburger
Interessanterweise stand die schlichte Franziskanerkirche unmittelbar neben einem der wohlhabendsten Bereiche der Stadt.
Die heutige Herrngasse war über Jahrhunderte bevorzugter Wohnort einflussreicher Rothenburger Patrizierfamilien.
Viele von ihnen ließen sich mit der Franziskanerkirche verbinden und fanden dort ihre letzte Ruhestätte.
Im Inneren befinden sich deshalb zahlreiche historische Grabplatten und Grabdenkmäler, auf denen Namen bedeutender Rothenburger Familien zu lesen sind.
Dadurch entstand ein interessanter Gegensatz:
Eine Kirche, deren Orden Armut predigte, wurde gleichzeitig zu einem wichtigen Erinnerungs- und Begräbnisort der wohlhabenden städtischen Oberschicht.
Der mittelalterliche Lettner
Eine der größten Besonderheiten der Franziskanerkirche ist auf den ersten Blick leicht zu übersehen.
Zwischen Langhaus und Chor steht noch heute ein historischer Lettner.
Lettner trennten in mittelalterlichen Kirchen den Bereich der Geistlichen beziehungsweise Ordensgemeinschaft vom Bereich der übrigen Gottesdienstbesucher.
In Rothenburg blieb der Lettner erhalten und wurde später unter anderem als Empore weitergenutzt. Deshalb gehört die Franziskanerkirche heute zu den seltenen Orten, an denen man einen solchen mittelalterlichen Kirchenraum noch räumlich nachvollziehen kann.
Die Rothenburger Passion hing einst genau hier
Der Lettner besitzt noch eine weitere Verbindung zur Rothenburger Kunstgeschichte.
An ihm befand sich früher die berühmte Rothenburger Passion.
Die zwölf Bildtafeln wurden 1494 von Martinus Schwarz, einem Franziskanermönch und Maler, geschaffen. Sie erzählten Szenen aus der Passion Christi in einer für die damaligen Besucher verständlichen Bildsprache.
Das war wichtig, denn viele Menschen:
- konnten nicht lesen
- verstanden kein Latein
- konnten den liturgischen Texten nur eingeschränkt folgen
Bilder übernahmen deshalb eine wichtige erklärende Funktion.
Die zwölf Originaltafeln befinden sich heute nicht mehr in der Kirche, sondern im RothenburgMuseum.
Damit ergibt sich für Besucher eine interessante Verbindung:
In der Franziskanerkirche sieht man den ursprünglichen Ort der Bilder – im RothenburgMuseum kann man die erhaltenen Originaltafeln betrachten.
Der Franziskusaltar
Das bedeutendste erhaltene Kunstwerk der Kirche ist der Franziskusaltar aus der Zeit um 1490.
Sein zentrales Relief zeigt den heiligen Franz von Assisi bei der Stigmatisation – nach der Überlieferung empfängt Franziskus dabei die Wundmale Christi.
Die bildhauerische Arbeit wird Tilman Riemenschneider beziehungsweise seinem unmittelbaren künstlerischen Umfeld zugeschrieben. Bei der genauen Zuschreibung gibt es unterschiedliche kunsthistorische Einschätzungen; offizielle Rothenburg-Publikationen führen den Altar heute als Werk Riemenschneiders.
Die farbige Fassung und Teile der Malerei werden wiederum mit Martinus Schwarz in Verbindung gebracht.
Damit begegnen sich an diesem Altar zwei Künstler, die für die spätmittelalterliche Kunst Rothenburgs von besonderer Bedeutung sind.
Franz von Assisi und die Wundmale
Franz von Assisi gehört zu den bekanntesten christlichen Heiligen des Mittelalters.
Er trat für:
- freiwillige Armut
- Bescheidenheit
- Nächstenliebe
- Frieden
- einen einfachen Lebensstil
ein.
Nach der religiösen Überlieferung empfing Franziskus im Jahr 1224 die Wundmale Christi.
Genau dieses Ereignis bildet das zentrale Thema des Franziskusaltars.
Wer den Altar betrachtet, sollte deshalb nicht nur auf seine kunsthistorische Bedeutung achten.
Das Motiv verweist unmittelbar auf das religiöse Selbstverständnis jener Ordensgemeinschaft, für die diese Kirche ursprünglich gebaut wurde.
Elf moderne Fenster zum Sonnengesang
Ein sehr schöner Kontrast zur mittelalterlichen Ausstattung befindet sich im Ostchor.
Dort gestaltete der bedeutende deutsche Glaskünstler Johannes Schreiter insgesamt elf moderne Glasfenster.
Ihr Thema ist der berühmte Sonnengesang des Franz von Assisi.
Der Sonnengesang entstand im frühen 13. Jahrhundert und beschreibt die gesamte Schöpfung als miteinander verbunden.
Franziskus spricht darin unter anderem von:
- Bruder Sonne
- Schwester Mond
- Wind
- Wasser
- Feuer
- Erde
Die modernen Fenster greifen diese Gedanken in abstrakter Form auf.
Damit verbindet die Kirche Kunst aus völlig unterschiedlichen Jahrhunderten:
mittelalterlicher Franziskusaltar und moderner Sonnengesang stehen gemeinsam in einem Kirchenraum.
Eine Kirche der Erinnerung
Besonders auffällig sind die zahlreichen Grabdenkmäler. Viele von ihnen erinnern an Rothenburger Patrizierfamilien und Mitglieder der städtischen Führungsschicht.
Gerade in einer Stadt wie Rothenburg waren solche Familien über Generationen hinweg miteinander verbunden durch:
- Handel
- Grundbesitz
- politische Ämter
- Heirat
- Stiftungen
- kirchliche Beziehungen
Die Kirche war deshalb nicht allein ein religiöser Ort.
Sie war auch ein sozialer Erinnerungsraum, in dem einflussreiche Familien ihre Stellung über ihren Tod hinaus sichtbar machten.
Das Ende des Franziskanerklosters
Mit der Reformation veränderte sich auch die Geschichte der Franziskanerkirche grundlegend.
Das Rothenburger Franziskanerkloster bestand schließlich bis 1548.
Danach wurden die ehemaligen Klostergebäude für andere Zwecke genutzt.
Unter anderem befanden sich dort später:
- eine Lateinschule
- Wohnungen
- nach 1805 teilweise ein Salzmagazin
Große Teile der eigentlichen Klosteranlage gingen mit der Zeit verloren. Kreuzgang, Refektorium und weitere Gebäude wurden teilweise abgebrochen; Teile der Ausstattung wurden verkauft oder zerstört.
Die Kirche selbst blieb jedoch erhalten und wird heute evangelisch genutzt.
Was von einem Kloster übrig blieb
Wer heute vor der Franziskanerkirche steht, erkennt kaum noch, wie groß der ursprüngliche Klosterkomplex einmal war.
Das Gelände erstreckte sich deutlich weiter als das heutige Kirchengebäude.
Zum Kloster gehörten unter anderem:
- Wohnbereiche der Mönche
- Wirtschaftsbereiche
- Refektorium
- Kreuzgang
- Gartenflächen
Der historische Klosterbereich reichte von der Herrngasse in Richtung Burggasse und Heringsbronnengässchen.
Die Franziskanerkirche ist damit heute der sichtbarste erhaltene Teil eines wesentlich größeren mittelalterlichen Komplexes.
Eine hervorragende Akustik
Die Franziskanerkirche besitzt außerdem eine bemerkenswerte Akustik.
Der erhaltene Lettner beeinflusst sogar die Schallverteilung innerhalb der Kirche. Die besondere Raumwirkung wird auch in den offiziellen Besucherinformationen ausdrücklich hervorgehoben.
Wenn während Ihres Aufenthalts ein Konzert oder eine musikalische Veranstaltung stattfindet, lohnt sich deshalb ein Besuch.
Kurioser Rothenburg-Fakt: Papst Franziskus
Neben der Franziskanerkirche befindet sich eine Informationstafel zu einem ungewöhnlichen Kapitel jüngerer Rothenburger Geschichte.
Der spätere Papst Franziskus, damals noch Jorge Mario Bergoglio, hielt sich in den 1980er-Jahren in Rothenburg auf und lernte am damaligen Goethe-Institut neben der Kirche Deutsch.
Dass ausgerechnet der spätere Papst mit dem Namen Franziskus einige Zeit unmittelbar neben der Franziskanerkirche verbrachte, ist natürlich historischer Zufall – aber ein schöner kleiner Rothenburg-Fakt.
Gut zu wissen
Die Franziskanerkirche gehört heute zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Jakob.
Nach dem aktuellen Rothenburg-Salesguide 2026/2027 gelten:
- April bis Dezember: täglich von 14:00 bis 16:00 Uhr
- 1. Januar bis Ende März: geschlossen
- evangelischer Gottesdienst: samstags um 18:00 Uhr
- Eintritt: frei
Um eine Spende für den Erhalt der Kirche wird gebeten.
Reguläre touristische Führungen innerhalb der Kirche sind nicht vorgesehen und nur in Ausnahmefällen möglich.
Stand: August 2026. Öffnungszeiten und Gottesdienstzeiten können sich ändern.
Unser Tipp
Wenn Sie St. Jakob bereits besucht haben, gehen Sie anschließend auch die wenigen Minuten zur Franziskanerkirche.
Versuchen Sie dabei nicht, beide Kirchen miteinander zu vergleichen und nach dem „größeren“ Kunstwerk zu suchen.
St. Jakob beeindruckt durch Größe und monumentale Kunst – die Franziskanerkirche durch ihre Schlichtheit und die ungewöhnlich gut erhaltene mittelalterliche Raumstruktur.
Achten Sie besonders auf:
- den Lettner
- den Franziskusaltar
- die Grabdenkmäler der Rothenburger Patrizier
- die modernen Fenster zum Sonnengesang
Und nehmen Sie sich anschließend einfach einige Minuten Zeit, im Kirchenschiff zu sitzen.
Gerade die Ruhe gehört zu den Dingen, die diese Kirche besonders machen.