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Das Kriminalmuseum
Das Mittelalterliche Kriminalmuseum gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich interessantesten Museen Rothenburgs ob der Tauber. Wer hier nur eine Sammlung grausamer Folterinstrumente erwartet, unterschätzt das Museum deutlich. Auf mehreren Etagen erzählt es von mehr als 1.000 Jahren deutscher und europäischer Rechtsgeschichte – von mittelalterlichen Gerichtsverfahren über Schandstrafen und Folter bis hin zu Hexenprozessen, Scharfrichtern, Gefängnisstrafen und der Entwicklung moderner Rechtsvorstellungen.
Mit rund 50.000 Exponaten zählt das Museum zu den bedeutenden Rechtskundemuseen Europas.
Mehr als ein „Foltermuseum“
Natürlich gehören Folterinstrumente und historische Strafwerkzeuge zu den bekanntesten Ausstellungsstücken.
Doch eigentlich geht es um eine viel größere Frage:
Wie entstand Recht – und wie versuchten Gesellschaften früher, Ordnung durchzusetzen?
Der Museumsrundgang orientiert sich teilweise sogar am Ablauf eines historischen Strafverfahrens.
Besucher begegnen dabei Themen wie:
- Entstehung und Entwicklung von Rechtsordnungen
- Ermittlungs- und Gerichtsverfahren
- Beweisführung
- Folter
- öffentliche Schandstrafen
- Körper- und Todesstrafen
- Gefängnis und Freiheitsentzug
- Henker und Scharfrichter
- Hexenverfolgung
- Räuber und Kriminalfälle
- Ehe, Ehre und Frauen im Recht
- Handwerksrecht
- Kirche und Recht
- Staats- und Verfassungsrecht
- Polizeirecht
- historische Schulstrafen
- Tiere vor Gericht
Damit erzählt das Museum nicht nur von Verbrechen, sondern vor allem davon, wie unterschiedlich Menschen zu verschiedenen Zeiten darüber gedacht haben, was Recht und Gerechtigkeit eigentlich bedeuten.
Der Rundgang beginnt beim Verfahren
Besonders interessant ist der Aufbau der Ausstellung.
Im Keller beginnt der Rundgang mit dem historischen Strafverfahren:
- Wie wurde jemand beschuldigt?
- Welche Beweise galten als ausreichend?
- Wie wurde ein Geständnis erzwungen?
- Welche Rolle spielte Folter?
Danach folgen weitere Bereiche der Rechtsgeschichte bis hin zur Urteilsverkündung und Strafvollstreckung.
Dadurch erscheinen viele der ausgestellten Gegenstände nicht einfach als kuriose oder grausame Objekte.
Sie werden in das damalige Rechtssystem eingeordnet. Das macht einen erheblichen Unterschied.
Schandmasken und öffentliche Demütigung
Nicht jede Strafe bedeutete Gefängnis oder Tod.
In früheren Jahrhunderten spielte die öffentliche Demütigung eine große Rolle.
Zu den bekanntesten Exponaten gehören deshalb verschiedene Schandmasken und andere Instrumente sogenannter Ehrenstrafen.
Die Idee dahinter war einfach:
Der Verurteilte sollte nicht nur bestraft werden – die gesamte Gemeinschaft sollte die Bestrafung sehen.
Ansehen und gesellschaftlicher Ruf waren in kleinen Gemeinschaften von enormer Bedeutung. Eine öffentliche Schande konnte deshalb langfristige Folgen haben.
Gerade solche Exponate zeigen, wie stark sich unsere Vorstellungen von Strafe verändert haben.
Folter und Geständnis
Zu den eindrucksvollsten Bereichen des Museums gehört die Geschichte der Folter.
Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Folter nicht einfach willkürliche Gewalt sein sollte. Sie konnte Bestandteil eines damaligen juristischen Verfahrens sein und unterlag zumindest formal bestimmten Regeln.
Das macht sie aus heutiger Sicht nicht weniger grausam – hilft aber zu verstehen, warum Gerichte überhaupt glaubten, auf solche Methoden zurückgreifen zu müssen.
Ein zentrales Problem früherer Strafverfahren war der hohe Wert des Geständnisses.
Fehlten bestimmte andere Beweise, konnte der Druck entstehen, ein Geständnis auf anderem Wege zu erlangen.
Das Museum zeigt eindrucksvoll, wohin eine solche Logik führen konnte.
Hexenverfolgung – und einige verbreitete Irrtümer
Ein großer Themenbereich beschäftigt sich mit Hexenglauben und Hexenverfolgung.
Dabei räumt das Museum auch mit einem verbreiteten Missverständnis auf:
Die großen europäischen Hexenverfolgungen waren kein typisch mittelalterliches Phänomen, sondern erreichten ihren Höhepunkt vor allem in der Frühen Neuzeit.
Auch die vereinfachte Vorstellung, Hexenprozesse seien ausschließlich eine Angelegenheit „der Kirche“ gewesen, entspricht nicht der komplexeren historischen Realität.
Das Museum besitzt eine bedeutende Sammlung zu Hexenglauben und Hexenverfolgung und behandelt auch die Entwicklung dieser Vorstellungen in Franken und Rothenburg.
Henker – gefürchtet und gleichzeitig notwendig
Auch der Scharfrichter, umgangssprachlich Henker genannt, erhält einen eigenen Bereich.
Seine gesellschaftliche Stellung war widersprüchlich.
Einerseits führte er im Auftrag der Obrigkeit rechtskräftige Urteile aus.
Andererseits gehörten Scharfrichter häufig zu gesellschaftlich ausgegrenzten Berufsgruppen.
Die Gesellschaft benötigte sie – wollte mit ihnen aber oftmals möglichst wenig zu tun haben.
Genau solche Widersprüche machen die Rechtsgeschichte im Museum besonders interessant.
Richtschwerter und Todesstrafe
Zu den eindrucksvollsten Originalobjekten gehören historische Richtschwerter und weitere Zeugnisse der Strafvollstreckung.
Hinrichtungen waren häufig öffentliche Veranstaltungen.
Urteil und Vollstreckung sollten für die Bevölkerung sichtbar sein und die Macht der Rechtsordnung demonstrieren.
Das Museum bezeichnet diese öffentliche Inszenierung treffend als eine Art historischen „Theater des Schreckens“.
Hier lässt sich auch eine direkte Verbindung zur Stadtgeschichte Rothenburgs herstellen.
Rothenburg besaß eine eigene hohe Gerichtsbarkeit. Daran erinnert bis heute beispielsweise der Name des Galgentors, vor dem sich einst eine Hinrichtungsstätte befand.
Damit wird deutlich:
Viele Dinge, die im Museum erklärt werden, fanden früher auch unmittelbar in und vor Rothenburg statt.
Tiere vor Gericht
Einer der ungewöhnlicheren Bereiche beschäftigt sich mit Tieren in der Rechtsgeschichte.
Historisch sind tatsächlich Verfahren überliefert, bei denen Tiere wie Schweine oder andere Tiere Gegenstand gerichtlicher Prozesse und Bestrafungen wurden.
Aus heutiger Sicht erscheint das absurd.
Gerade deshalb zeigt dieser Bereich sehr anschaulich, wie stark sich Vorstellungen von:
- Verantwortung
- Schuld
- Natur
- Religion
- Recht
über Jahrhunderte verändert haben.
Nicht jedes berühmte Folterinstrument ist echt
Ein besonders wichtiger Teil des Museums beschäftigt sich auch mit Rechtsmythen und später entstandenen Vorstellungen über das Mittelalter.
Denn manches, was heute als „typisch mittelalterliches Folterinstrument“ präsentiert wird, ist historisch wesentlich problematischer als allgemein angenommen.
Das Museum behandelt deshalb ausdrücklich die Frage:
Was ist historisch belegt – und was entstand erst später aus Schauergeschichten, Fantasie oder dem Geschäft mit einem vermeintlich finsteren Mittelalter?
Das ist gerade bei berühmten Objekten wie der sogenannten Eisernen Jungfrau interessant.
Dadurch wird das Museum nicht nur zu einer Ausstellung über historische Strafen, sondern auch zu einem Ort, an dem populäre Vorstellungen über das Mittelalter kritisch überprüft werden.
Das Gebäude hat selbst eine lange Geschichte
Auch das Museumsgebäude ist historisch interessant.
Das Museum befindet sich in der ehemaligen Johanniterkomturei, die zusammen mit der benachbarten St.-Johannis-Kirche zwischen 1393 und 1410 errichtet wurde.
Im Jahr 1718 wurde das Gebäude barock umgestaltet.
Nach der Säkularisation diente es zunächst staatlichen Verwaltungszwecken. Später befanden sich hier unter anderem das königlich-bayerische Bezirksamt und anschließend das Landratsamt des damaligen Landkreises Rothenburg.
Damit besitzt ausgerechnet ein Museum über Recht und staatliche Ordnung ein Gebäude, das selbst jahrzehntelang Sitz einer Verwaltungsbehörde war.
Von der „Rothenburger Folterkammer“ zum Rechtskundemuseum
Die heutige Sammlung begann wesentlich kleiner.
Ihre Ursprünge liegen Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts in einer privaten Sammlung, die als „Rothenburger Folterkammer“ bekannt wurde und zunächst im Bereich des Burghotels gezeigt wurde.
Ab den 1950er-Jahren wurde die Sammlung systematisch erweitert.
Dabei änderte sich auch ihr Anspruch:
Aus einer vor allem auf spektakuläre Folterobjekte ausgerichteten Sammlung entwickelte sich zunehmend ein umfassendes Museum zur Rechtsgeschichte.
1977 zog das Museum schließlich in die ehemalige Johanniterkomturei an der Burggasse.
Wie viel Zeit sollte man einplanen?
Das Kriminalmuseum ist wesentlich umfangreicher, als es von außen zunächst erscheint.
Wer lediglich die bekanntesten Ausstellungsstücke ansehen möchte, kommt relativ schnell hindurch.
Wer jedoch:
- Informationstafeln liest
- historische Zusammenhänge verstehen möchte
- sich mit den einzelnen Rechtsbereichen beschäftigt
- Sonderausstellungen besucht
sollte deutlich mehr Zeit einplanen.
Für interessierte Besucher sind etwa zwei Stunden keineswegs zu viel.
Wer sich besonders für Geschichte, Recht oder das Mittelalter interessiert, kann problemlos noch länger bleiben.
Auch bei schlechtem Wetter eine gute Wahl
Da ein großer Teil des Besuchs innerhalb der historischen Gebäude stattfindet, lässt sich das Museum hervorragend mit einem anschließenden Rundgang durch die nahegelegene Altstadt verbinden.
Das Museum kann auch für Familien interessant sein, allerdings sollte man berücksichtigen, dass die Ausstellung teilweise Folter, Hinrichtungen und andere historische Gewaltformen behandelt.
Einige Objekte können insbesondere auf jüngere oder empfindliche Kinder verstörend wirken.
Gleichzeitig bietet das Museum spezielle Angebote für Schüler und Kinderrallyes. Nach eigenen Angaben besuchen jährlich mehr als 50.000 Schüler und Studierende das Museum.
Eltern sollten deshalb je nach Alter und Sensibilität ihres Kindes selbst entscheiden, welche Bereiche geeignet sind.
Unser Tipp
Nehmen Sie sich im Kriminalmuseum nicht nur Zeit für die spektakulären Folterinstrumente.
Einige der interessantesten Bereiche sind gerade diejenigen, die zunächst weniger auffällig wirken:
- historische Rechtsbücher
- Gerichtsverfahren
- Ehrenstrafen
- gesellschaftliche Stellung des Scharfrichters
- Hexenprozesse
- Tierprozesse
- Rechtsmythen
Gerade dort versteht man, wie fundamental sich unsere Vorstellung von Recht, Schuld und Strafe über die Jahrhunderte verändert hat.
Öffnungszeiten 2026
Aktuell gelten folgende Öffnungszeiten:
bis 1. November 2026: täglich 10:00 bis 18:00 Uhr
2. November 2026 bis 6. Januar 2027: täglich 11:00 bis 16:00 Uhr
letzter Einlass jeweils 45 Minuten vor Schließung
Für Heiligabend und Silvester gelten Sonderöffnungszeiten.
Stand: August 2026. Öffnungszeiten können sich ändern.